Donnerstag, 31. Januar 2013

Geheimisvolle Caro



Geheimnisvolle Caro        


Die Sonne schaute durchs Fenster und kitzelte Lisa wach.

Sie reckte ihre Arme, gähnte und drehte sich auf die andere Seite. Mollig warm war es im Bett, so richtig schön gemütlich.

‚Nur noch fünf Minuten‘ dachte sie und schloß erneut die Augen, doch mit einem Ruck war sie hellwach. Verwirrt schaute sie sich im Zimmer um und als ihr Blick auf Caro fiel, die in ihrem Puppenbettchen lag als sei nichts gewesen, erinnerte sich Lisa daran, was sie in dieser Nacht geträumt hatte.

Sie warf die Decke zur Seite, sprang sie aus dem Bett und riß Caro an sich.

„Ist es wahr, was ich geträumt habe?“

Caro lag ganz still in Lisas Arm und hatte die Schlafaugen geschlossen.

Lisas Mama sagte immer: „Sie sieht aus wie Du, mein Schatz. Darum habe ich sie auch für Dich ausgesucht.“

Dunkle Löckchen umrahmten ihr Gesicht, das eine witzige Stupsnase zierte. Die Augen hatten ein dunkles Wimpernkränzchen und die gleiche Farbe wie Omas Saphirkette. Wunderschönes Dunkelblau war es, genau solche Augen hatte auch Lisa. Bei ihr blitzten kleine goldene Pünktchen darin auf,  immer dann, wenn sie etwas ausheckte.

„Das sind kleine Koboldblitze.“ pflegte die Oma dann zu sagen.



Lisa setzte sich im Schneidersitz auf das Bett. Vom Tisch neben dem Bett schnappte sie sich den Zeichenblock und einen Bleistift. Diese beiden Dinge lagen dort immer parat, weil Lisa oft nachts wach wurde und dann ein bißchen zeichnete.

Heute malte sie in die Mitte des Blattes einen Mond mit einer Zipfelmütze, das war das Zeichen für Träumen.

Sie kaute auf dem Stift herum und überlegte, was alles in dem Traum vorgekommen war.

Also, da war zunächst einmal die Puppe Caro und sie selbst, Lisa. Mit wenigen Strichen hatte Lisa neben den Mond eine Skizze von Caro und sich selbst gemalt. Dann war da noch Stupsie, das Zwergkaninchen und Herr Schmidt, der immer so schimpfte, wenn Lisa im Hof spielte. Herr Schmidt trug einen alten grauen Hut. Es war nicht schwer, ihn so zu zeichnen, dass jeder ihn erkennen konnte.

Ach ja, nur nicht vergessen, dass auch Max da war, Lisas bester Freund. Schnell noch einen Max zeichnen. Max hatte blonde Igelhaare und eine blaue runde Brille.

„Lisa!“ Das war die Mutter. „Es ist schon spät, zieh Dich an und komm zum Frühstück!“

„Sie könnte wenigstens ‘Guten Morgen‘ sagen, nicht wahr, Caro?“

Caro klimperte mit dem linken Auge. Genau wie im Traum, dachte Lisa, und war jetzt ganz aufgeregt. Es funktionierte, Caro hatte gezwinkert und plötzlich war der Traum ganz deutlich in Lisas Erinnerung.


Lisa spielte mit Max, ihrem besten Freund auf der großen Wiese im Stadtpark. Es war schön warm und sonnig, trotzdem waren keine anderen Kinder dort und auch keine Spaziergänger. Die beiden Kinder saßen auf einer Decke. Caro lag im Puppenwagen und schlief.

Bandwurmgeschichten schreiben war seit ein paar Wochen das Lieblingsspiel der beiden Freunde. Das geht so, einer schreibt einen Satz in ein Heft und gibt das Heft dann an den anderen weiter, der dann einen Satz schreibt und so geht es immer weiter. Dabei entstehen die lustigsten Geschichten.

Im Traum sagte Lisa zu Max: „Sollen wir heute mal eine neue Geschichte anfangen?“ Max kratzte sich am Kopf: „O.k.“ sagte er. Max machte nie viele Worte.

„Ich fange an, bin dran!“ Lisa strahlte.

„O.k.“ sagte Max und Lisa schrieb:

Der Zauberer Zaratzewitz mochte keine Kinder.

Max schrieb den nächsten Satz:

Er verwandelte sie gern in Tiere, die Jungen in Zwergkaninchen und die Mädels in kleine Zicklein.

„Du bist so gemein!“ schrie Lisa

„Ich war eben dran!“ antwortete Max.

Lisa schrieb den nächsten Satz:

Der Zauberer beschloß eines Tages, den verzauberten Kindern einen Schreck einzujagen, besonders den Zwergkaninchen.

Lisa hatte gerade den Punkt gemacht, als eine dunkle Wolke über den Kindern stehenblieb. Es ertönte eine unheimliche Stimme, die von weither zu kommen schien, trotzdem konnten die Kinder jedes Wort gut verstehen.

„Wer macht sich hier lustig über mich?“

Lisa und Max erschraken furchtbar.

„Caro!“ schrie Lisa und sprang auf, um die Puppe aus dem Puppenwagen zu retten.

„Caro, war das der Zauberer?“ Lisa sprach immer mit ihrer Puppe. Die Antworten gab sie sich meist selbst, denn Puppen können ja nicht sprechen. Caro klimperte mit dem linken Auge.

„Max, guck doch mal. Sie sagt ja. Es ist der Zauberer, der da spricht.“

Max tippte sich mit dem Finger an die Stirn.

„Du spinnst doch.“ sollte das heißen, oder „Mädchen sind eben blöd.“

„Ich werde es Dir beweisen, Caro, sag mal, ist das Max?“ sie zeigte auf den Freund und hielt die Puppe so, dass sie Max ansehen konnte.

Caro klimperte mit dem linken Auge.

„Siehste! Ich sag’s doch!“

Max schüttelte entschieden den Kopf: „Das war die Stimme von Herrn Schmitz, dem Hausmeister.“

„Aber wieso kommt sie aus der Wolke? Nein, das kann nicht sein.“

Die dunkle Wolke hing noch immer über den Kindern. Erneut ertönte die Stimme: „Die Puppe ist klüger als ihr beide zusammen.“

Dann verschwand die Wolke so geheimnisvoll wie sie gekommen war.



Ja, genauso war es passiert in Lisas Traum.

Als sie dann am Frühstückstisch saß und die Mutter sie fragte:

„Na, Lisa, hast Du schön geträumt?“, probierte sie es aus. Sie sah Caro an und flüsterte: „Soll ich es ihr erzählen?“

Die Puppe zuckte nicht mit der Wimper, was, wie Lisa glaubte „Nein“ heißen sollte.

„Weiß nicht!“ antwortete sie also der Mutter.

„Hast Du soeben mit Deiner Puppe gesprochen?“ Mama lächelte.

Lisa stopfte sich schnell ein großes Stück vom Marmeladenbrot in den Mund, um nicht antworten zu müssen.

„Mmmpf, Mmpfein ...“ Wie erwartet unterbrach die Mutter gleich:

„Lisa, wie oft habe ich dir schon gesagt, dass man mit vollem Munde nicht spricht!“

Caro klimperte mit dem linken Auge, sie war einer Meinung mit der Mutter.

‚Hey, du bist meine Puppe‘ dachte Lisa, ‚halt gefälligst zu mir!“

Papa, der sich hinter der Morgenzeitung versteckte, hatte noch kein Wort gesagt. Jetzt schaute er Lisa streng über den Rand seiner Lesebrille an.

„Musst du nicht mal langsam los? Ich nehme dich gern im Auto mit, aber ich werde nicht wieder auf dich warten. Also, husch, husch!“

Lisa überlegte fieberhaft, wie sie es anstellen könnte, die Puppe mit in die Schule zu nehmen. Sie würden heute eine Mathearbeit schreiben und Caro könnte ihr doch gut helfen dabei. ‚Ich hab’s‘ dachte sie und sagte dann laut:

„Wir haben heute Spielzeugtag, jedes Kind darf ein Spielzeug mitnehmen. Ich werde Caro schnell umziehen und sie in meine Sporttasche packen.“

„Spielzeugtag? Im zweiten Schuljahr? Das ist ja ganz was Neues“, Mama schaute sie zweifelnd an.

„Frau Jasper hat es extra gesagt. Glaubst du mir etwa nicht?“

„Schon gut, nimm Caro mit.“

Jetzt mußte alles sehr schnell gehen. Papa würde nicht lange warten. Für ihn gab es nichts Schlimmeres, als unpünktlich zu sein.

Endlich saßen sie im Auto und es konnte losgehen. Lisa war schwer bepackt, mit Tornister und Sporttasche. Sie mußte rennen, um den Klassenraum vor dem Schellen zu erreichen. Die anderen Kinder saßen schon auf ihren Plätzen.

Gott sei dank war Frau Jasper noch nicht da. Lisa setzte sich schnell neben ihre Freundin Maria und packte ihr Mäppchen und die Hefte aus.

„Hallo Lisa, verschlafen?“ kicherte Maria. Sie fand immer alles lustig und lachte in einer Tour.

„Warum hast du denn dein Sportzeug dabei, heute haben wir doch kein Turnen.“

„Pst!“ Lisa legte den Zeigefinger auf den Mund, denn Frau Jasper hatte das Klassenzimmer betreten.

„Guten Morgen liebe Kinder der zweiten Klasse!“

„Guten Morgen, Frau Jasper!“

„Heute schreiben wir unseren Mathetest. Wir haben in den letzten Tagen viel geübt, so dass niemand Angst haben muß. Also, geht es in Ruhe an und überlegt Euch die Antworten sorgfältig, Ihr habt genügend Zeit.“

Ein Raunen ging durch die Klasse. Ein bißchen aufgeregt waren die Kinder doch, denn alle wollten eine gute Arbeit schreiben. Für Lisa war das eigentlich kein Problem, obwohl sie heute ganz andere Dinge im Kopf hatte.

Links von ihr saß Maria, die jetzt aufgehört hatte zu kichern und auf der rechten Seite hatte Max seinen Platz. Er war ein wenig blaß um die Nase, so als hätte er schlecht geschlafen.

„Kein Wunder“, dachte Lisa, „bei dem aufregenden Traum heute Nacht.“

Dass es ja ihr Traum war und Max davon gar nichts mitbekommen haben könnte, daran dachte sie im Moment nicht.

Frau Jasper verteilte die Arbeitsblätter und sofort begannen die Schüler mit den Rechenaufgaben.

Lisa fühlte sich heute so sicher, wie noch nie. In der Sporttasche, die sie zwischen ihre Füße gestellt hatte, lag Caro, die man zur Not befragen konnte. Ein wunderbares Gefühl war das.

Frau Jasper ging langsam durch die Klasse, schaute mal dem einen, dann einem anderen Kind über die Schulter. Manchmal lächelte sie erfreut, dann wieder war ihr Blick besorgt, wenn sie einen Fehler entdeckt hatte.

„Nochmal nachdenken!“ flüsterte sie dann.

Als sie an Lisas Platz kam, sah sie die Sporttasche mit der darinliegenden Puppe.

„Was soll denn das?“ fragte sie leise, um die anderen Kinder nicht zu stören.

„Das ..., das ist Caro. Sie wollte heute mal mit in die Schule, ich ich ...“ stammelte Lisa.

„O.K.!“ sagte Frau Jasper, „Aber laß Dich nicht ablenken von Deiner Puppe.“

Sie konnte ja nicht wissen, dass Caro Lisa bei den Aufgaben helfen könnte und das war auch gut so, denn das war natürlich nicht erlaubt. Außerdem glaubten Erwachsene nicht an Wunder, nur Kinder haben noch offenen Augen und Herzen, um solche zu erkennen.

Für diese Mathearbeit brauchte Lisa Caros Rat nicht, ganz leicht konnte sie die Aufgaben lösen. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass schon Caros Anwesenheit half, um sich richtig zu konzentrieren.



Während der nächsten Tage war Lisa so mit Caro beschäftigt, dass sie nicht einmal Zeit für ihren Freund Max fand. Immer, wenn er anfragte, ob Lisa mit ihm spielen wollte, antwortete sie: „Tut mir leid, Max. Ich habe heute schon was vor.“

Von ihrem Traumgeheimnis sagte sie Max nichts, denn sie hatte Angst, dass er ihr nicht glauben würde. Sie kannte ihn schon ganz gut.

Max war traurig. „Ich glaube, Deine Puppe ist Dir viel wichtiger als ich. Wenn Du mich nicht mehr magst, mußt Du es nur sagen, dann komme ich nicht mehr.“

„Nein, nein Max. Es hat nichts mit Dir zu tun. Ich habe einfach wenig Zeit, denn ich bin dabei, ein Weihnachtsgeschenk für dich zu basteln.“

Damit gab sich Max zunächst zufrieden.

„Soll ich wieder öfter mit Max spielen?“ fragte Lisa ihre Puppe Caro, die daraufhin wie wild mit dem linken Augenlid klimperte. ‚Ja, ja, ja‘

„Also gut, wenn Du es sagst.“ Lisa legte Caro in ihr Bettchen und machte sich auf den Weg zu Max, der vor Freude Luftsprünge machte. Dabei rutschte seine Brille von der Nase. Sie lachten, bis ihnen die Luft wegblieb. Sie schrieben eine Weihnachtsbandwurmgeschichte und hatten viel Spaß dabei, Weihnachtsgeschenke für die Eltern und Großeltern vorzubereiten.

Kurz vor Weihnachten fiel der erste Schnee. War das eine Freude. Endlich! Sie bauten mit Feuereifer Schneemänner im Vorgarten. Es waren drei an der Zahl, eine Lisa, ein Max und eine Caro. Das war ganz allerliebst anzusehen.

Die echte Caro war bei allen Aktivitäten der Kinder mit von der Partie und gab Lisa insgeheim so manch guten Ratschlag.



Viele, viele Geschichten gäbe es noch von Lisa, Max und Caro  zu erzählen, doch das würde hier viel zu lang werden. Doch eines will ich Euch verraten, damit diese Geschichte nicht ganz offen bleibt.

Lisa und Max wurden natürlich größer und älter und eines Tages waren sie erwachsen. Immer waren sie die besten Freunde und unternahmen in ihrer freien Zeit viel miteinander. Sie gingen gemeinsam zum Tanzkurs und erlernten ihre Berufe. Lisa wollte Lehrerin werden und Max, der Tiere über alles liebte, studierte Tiermedizin. Eines Tages hat Max der Lisa einen Heiratsantrag gemacht.

„Willst Du meine Frau werden, Lisa?“

Lisa zögerte mit der Antwort, obwohl sie wußte, dass nur Max der richtige Mann für sie sein konnte.

„Moment mal, Max, ich komme sofort zurück.“ Sie versuchte ein wenig Zeit zu gewinnen und lief schnell in ihr Schlafzimmer, wo Caro ihren Platz im Puppenbett hatte.

„Was meinst Du, Caro, soll ich Ja sagen? Max möchte mich heiraten, aber auf deinen Rat konnte ich mich mein ganzes Leben lang verlassen, deshalb möchte ich zuerst einmal Dich fragen.“

Caro klimperte mit dem linken Augenlid und Lisa bekam mächtiges Herzklopfen. Sie drückte die Puppe an sich und ging zurück ins Wohnzimmer.

„Ja, Max, ich will Deine Frau werden!“ Die beiden nahmen sich glücklich in den Arm.

Zwei Jahre später bekamen sie eine kleine Tochter – und nun ratet mal, welchen Namen sie ihr gegeben haben...



© Regina Meier zu Verl

Kommentare:

  1. Oooh, eine schöne Geschichte - wie immer :)

    Da sieht man was eine schöne Puppe alles bewirken kann :)

    Lieben Gruß
    Björn :)

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    1. Danke schön, Björn,

      du bist ein treuer Leser, ich freu mich sehr!

      Herzliche Grüße
      Regina

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  2. Liebe Regina,
    eine wieder ganz zauberhafte Geschichte :O) Danke dafür!
    Ich wünsch Dir einen schönen Start ins Wochenende!
    ♥ Allerliebste Grüße Claudia ♥

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    1. Danke, liebe Claudia,

      ich danke dir und wünsche dir ebenfalls ein wunderbares Wochenende!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  3. Ach was für eine wunderschöne Geschichte. Vielleicht gibt es ja doch noch mehr von den Dreien und ihren Aberteuern. Lächeln.
    Wünsche dir ein schönes Wochenende. Liebe Grüße, Lore

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