Mittwoch, 5. Dezember 2012

Gruß von Vater

Gruß von Vater

Irgendwo musste noch Vaters Wintermantel sein, da war ich ganz sicher. Nachdem ich einige Schränke auf dem Dachboden durchwühlt hatte, fand ich ihn. Fein säuberlich mit einem Kleidersack geschützt.
„Was meinst du, Papa? Kann ich ihn verschenken?“, fragte ich mit leiser Stimme.
Ich hatte am Vormittag den Friedel gesehen. Er gehörte zum Bild meiner Stadt wie die Apostelkirche und das Rathaus. Sein brauner Anzug, der dringend eine Reinigung nötig gehabt hätte, war zerschlissen. Ein ehemals weißes Oberhemd und eine Krawatte rundeten das Bild ab, irgendwie wirkte er vornehm, nicht wie ein Penner. Seine linke Hand umklammerte eine Aldi-Tüte, in der er wohl sein Hab und Gut aufbewahrte und in der rechten hatte er eine Bierflasche. Seit vielen Jahren sah man ihn so durch die Fußgängerzone wanken.
Er bettelte nicht. Trotzdem steckten ihm die Leute immer mal wieder einen Euro zu.
Es war kalt geworden und es tat mir Leid, dass er da in seinem dünnen Anzug durch die Straßen lief. Ich wollte ihn aber nicht beleidigen, wenn ich ihm den Mantel schenkte und war sehr unsicher, ob es richtig wäre, das zu tun.
„Er wird sich freuen, mach es ruhig“, hörte ich plötzlich die Stimme meines Vaters und ich blickte mich irritiert um. Da war nichts und doch hatte ich es ganz deutlich gehört.
„Okay“, sagte ich. „Wenn du das sagst!“ Ich lächelte über mich selbst und doch war mir ein wenig unheimlich zumute. Schließlich war mein Vater seit vielen Jahren tot.
Am nächsten Tag brachte ich dem Friedel den Mantel. Ich hatte ihn in eine Sporttasche gepackt und einen Stollen dazugelegt. Ich ging auf ihn zu, reichte ihm die Hand und übergab ihm die Tasche.
„Ein lieber Gruß von meinem Vater!“, sagte ich und sah ein Staunen in seinem Gesicht.
„Frohe Weihnachten!“, sagte er, Tränen blitzten in seinen Augen.
„Frohe Weihnachten“, sagte ich. „Frohe Weihnachten!“

© Regina Meier zu Verl

Kommentare:

  1. Oh, das ist so schön, habe Tränen in den Augen, liebe Regina.

    ♥liche Grüße,
    Martina

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    1. Danke schön, Martina,
      es freut mich, dass meine Geschichte dich berührt hat!
      Herzliche Grüße auch zu dir
      Regina

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  2. Du hast das Herz wirklich auf dem rechten Fleck.
    Ein anderer hätte den Mantel wohl gar nicht oder wenn,
    dann gedankenlos weitergegeben.
    Du hast deinen verstorbenen Vater um Erlaubnis gefragt
    und das unterscheidet dich von vielen anderen Menschen.
    Martina

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    1. Danke schön, liebe Martina,

      weißt du, was das Schönste an dieser Geschichte ist? Ich sehe den Mantel heute noch ab und zu und immer wieder freue ich mich darüber, dass er noch immer einen Menschen wärmt, der das wahrlich verdient hat!
      Liebe grüße
      Regina

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  3. Ja, da kommen auch mir Tränchen in die Augen...
    Vielen Dank liebe Regina, für eine wieder so rührende Geschichte!
    Ich wünsch Dir einen schönen gemmütlichen Abend!
    ♥ Allerliebste Grüße Claudia ♥

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  4. Das bist einfach Du! Lieb und herzlich, hatte jetzt Tränen in den Augen.Liebe Grüße, Lore

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    1. Danke schön, liebe Lore,
      wenn wir das nächste Mal telefonsieren, dann erzähle ich dir etwas mehr über den Friedel, der noch immer den Mantel trägt!
      Herzliche Grüße
      Regina

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