Montag, 17. Dezember 2012

Abschied



Abschied

Unten, in dem kleinen Fachwerkhaus, in dem Paul mit seinen Eltern wohnt, lebt auch Frau Mergelheide.

Paul weiß, dass sie so heißt, Frau Mergelheide selbst hat ihren Namen vergessen. Eigentlich vergisst sie alles um sich herum und starrt nur noch aus dem Fenster. Selten lächelt sie, meist schaut sie traurig aus und oft rinnen Tränen aus ihren Augenwinkeln.
Pauls Mama kümmert sich ein wenig um die Nachbarin, die fast hundert Jahre alt ist und keine Verwandten mehr hat. Morgens kommt eine Frau vom Pflegedienst. Sie hilft der alten Dame beim Aufstehen, Waschen und Ankleiden. Dann bereitet sie ihr das Frühstück zu, setzt sie in den Sessel am Fenster und kommt erst am Abend wieder, um sie ins Bett zu bringen. So geht das Tag für Tag.
Dazwischen kümmert sich Mama um sie und auch Paul sieht ab und zu nach ihr. Manchmal liest er ihr Geschichten vor und dann könnte man meinen, dass sie jedes Wort verstehen kann, so interessiert hört sie zu. Sie sagt aber niemals etwas.
Ein paar Tage vor Weihnachten, draußen liegt schon der erste Schnee, sagt Mama:
„Wir werden in diesem Jahr nicht zu den Großeltern fahren, wir können Frau Mergelheide nicht allein lassen. Ich habe so ein komisches Gefühl.“
Paul ist traurig, denn Weihnachten mit Oma und Opa ist einfach toll. Trotzdem weiß er, dass Mama Recht hat.
„Ich möchte heute Weihnachtsplätzchen backen, magst du mir helfen?“
Paul ist Feuer und Flamme, er nascht doch so gern von dem Teig und es macht ungeheuren Spaß, die lustigen Formen nach dem Backen zu verzieren.
„Ich geh schnell runter und bringe Frau Mergelheide ein paar Zimtsterne“, ruft Mama und schon ist sie verschwunden. Es dauert lange, bis sie wieder zurückkommt und ihre Augen sind gerötet. Sie nimmt Paul in den Arm und dann weint sie.
„Was ist denn nur passiert, Mama?“
„Ach Paul, man musste ja damit rechnen, aber jetzt bin ich doch ganz traurig, Frau Mergelheide ist für immer eingeschlafen, ganz friedlich sitzt sie in ihrem Sessel und lächelt. Ich habe den Arzt gerufen, er wird gleich hier sein.“
„Darf ich mit runter kommen?“, fragt Paul und Mama nickt.
„Ja, komm nur.“
Gemeinsam gehen sie in das Zimmer der alten Dame. Paul tritt vorsichtig an sie heran. Er nimmt ihre Hand, die noch ganz warm ist und spricht sie an:
„Jetzt hast du es geschafft, Tante Mergelheide. Du musst mir etwas versprechen. Wenn du da oben im Himmel bist, passt du dann ein bisschen auf mich auf?“
„Das wird sie sicher tun“, sagt Mama.
Paul ist traurig und bei der Beerdigung weint er dicke Tränen. Aber er weiß, dass es seiner alten Freundin jetzt gut geht. Sicher kann sie sich dort oben endlich wieder erinnern an all das, was sie mal erlebt hat und sie wird von ihm, Paul, erzählen. Sie wird zu ihm herunterschauen, besonders morgen, am Heiligabend. Denn dann wird Paul eine dicke Kerze in den Garten stellen, damit sie ihn auch finden kann in der Dunkelheit.

© Regina Meier zu Verl
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Kommentare:

  1. Liebe Regina eine sehr berührende,aber aus dem Leben gegriffene Geschichte. Sie macht mich nachdenklich und das ist gut so. Adventliche Grüße: Ilse.

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  2. Liebe Regina,
    auch mich hat diese Geschichte sehr berührt!
    Ich wünsch Dir einen schönen und gemütlichen Abend!
    ♥ Allerliebste Grüße Claudia ♥

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    1. Danke schön, liebe Claudia!
      Ich wünsche dir einen wunderbaren Tag,
      liebe Grüße
      Regina

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  3. Eine traurige Geschichte, aber eine aus dem Alltag.
    Dennoch sehr schön zu lesen :)

    Lieben Gruß
    Björn :)

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    1. Danke schön, Björn,
      wie alle meine Geschichten enthält sie vieles, was ich selbst erlebt habe.

      Liebe Grüße auch an dich
      Regina

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  4. Eine traurige aber zugleich auch hoffnungsvolle Geschichte. Zeigt sie doch die Einsamkeit des Alters und gleichzeitig, dass es doch noch Menschen gibt die ein wenig Licht in diese Dunkelheit bringen.

    Liebe Grüße
    Holger

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    1. Danke schön, Holger,
      ja, es gibt sie noch, die Menschen, die Licht in die Dunkelheit bringen. Das ist tröstlich!

      Herzliche Grüße
      Regina

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