Mittwoch, 7. November 2012

Die Erdmanns aus dem Erdgeschoss

Die Erdmanns aus dem Erdgeschoss

Erdmanns wohnen im Erdgeschoss. „Das sagt der Name ja schon“, sagt Papa immer und lacht sich kaputt über seinen alten Witz.
Aber zurück zu den Erdmanns. Ich mag sie nicht so besonders gern leiden. Das ist ungerecht, denn sie haben mir gar nichts getan. Sie sind einfach nur da und machen nichts Schlimmes. Aber genau das ist es ja. Sie sind da, immer.
Wenn ich von der Schule nach Hause komme, steht Mutter Erdmann am Küchenfenster. Kaum hat sie mich entdeckt, reißt sie das Fenster auf und fragt:
„Na, Merle, wie geht es dir heute?“
Eigentlich ist das ja nett und ich antworte ihr auch immer höflich:
„Danke, Frau Erdmann, es geht mir gut.“
Wenn ich nachmittags zu meiner Freundin Linda fahren will, treffe ich garantiert Frau Erdmann im Flur, ich kann noch so leise die Treppe runter gehen, sie hört mich.
„Na Merle, hast du deine Hausaufgaben schon fertig?“, fragt sie dann oft und ich ärgere mich darüber, denn meist habe ich sie nicht fertig und dann habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich Mama doch versprochen hatte, erst dann aus dem Haus zu gehen, wenn alles erledigt ist.
„Habe ich!“, lüge ich und mache mich schnell aus dem Staub.
Vater Erdmann ist schon Rentner. Lasse ich mal mein Fahrrad vor der Haustür stehen, so kommt er flink wie ein Wiesel aus seiner Wohnung und trägt es in den Schuppen.
„Lassen Sie es dort bitte stehen, ich muss gleich noch mal los“, habe ich neulich zu ihm gesagt.
„Dann holst du es eben wieder raus. Ich mag es nicht, wenn die Räder vor der Haustür stehen und im Schuppen sind sie sicher aufgehoben, da klaut sie keiner!“, sagt er dann und was soll ich darauf schon erwidern?
Ihr merkt schon, ich bin auf die Erdmanns nicht so gut zu sprechen. Besser gesagt, ich war es.
Letzten Donnerstag änderte ich meine Meinung und das kam so:
Ich hatte meinen Schlüssel vergessen und merkte das erst, als ich mittags vor der Haustür stand und danach suchte. Frau Erdmann riss das Küchenfenster auf und fragte nicht, wie gewohnt, wie es mir geht. Sie machte ein besorgtes Gesicht und bat mich, kurz zu ihr in die Wohnung zu kommen.
„Warte, ich mache dir die Tür auf“, rief sie und schon summte der Türöffner.
Komisch fand ich das schon, woher wusste sie denn, dass ich keinen Schlüssel hatte und was wollte sie von mir?
„Merle, deine Mutter ist gestürzt, als sie zur Arbeit gehen wollte. Der Weg bis zur Straße war ja bereits geräumt, weil mein Mann schon früh draußen war. Aber ein Stück weiter war es spiegelglatt und schon war es passiert.“
Ich bekam einen gehörigen Schrecken.
„Und jetzt? Was ist mit meiner Mama?“, stammelte ich und mir wurde ganz schwindelig vor Sorge.
„Setzt dich erstmal, deine Mama ist im Krankenhaus und dein Vater ist bei ihr. Deine Schwester wird gerade von meinem Mann aus dem Kindergarten abgeholt und ihr bleibt bei uns, bis dein Papa wieder da ist.“

Dann erzählte sie mir, dass sie doch immer hinter Mama herschaue, bis sie um die Ecke gebogen sei und so habe sie auch genau gesehen, dass Mama gefallen war und gar nicht wieder aufstand.
„Ich bin sofort hingelaufen und man konnte sehen, dass ihr Bein gebrochen war. Es war ganz verdreht. Deshalb habe ich sofort einen Krankenwagen angerufen und deinen Papa auch. Mach dir keine Sorgen, es ist nur ein Knochenbruch. Das heilt wieder!“
Sie hatte Recht, als ich Mama am frühen Abend besuchen durfte, ging es ihr schon wieder ganz gut. Sie musste ein paar Tage im Krankenhaus bleiben. Deshalb nahm Papa sich Urlaub, damit wir nicht allein waren. Frau Erdmann kochte uns mittags was Leckeres.
Wenn ich sie jetzt am Küchenfenster entdecke, winke ich ihr fröhlich zu und neuerdings werfe ich ihr sogar ein Kusshändchen zu. Ja, und mein Fahrrad stelle ich jetzt immer direkt in den Schuppen, damit Herr Erdmann nicht so viel Arbeit hat und die Sache mit den Hausaufgaben kriege ich auch noch hin.

© Regina Meier zu Verl



Kommentare:

  1. Hallo,

    oh diese Geschichte war so schön.Eine Fam. Erdmann würde ich gerne kennen.

    Lg

    Barbara

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  2. Das zeigt wieder einmal, erst kennen lernen, dann urteilen. Geht uns doch oft so, dass uns Menschen nerven oder als aufdringlich erscheinen und oft steckt dahinter nur Einsamkeit.

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    1. Stimmt genau, liebe Lore!

      Liebe Grüße (melde mich später noch)
      Regina

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  3. Schön erzählt! Schönen Gruß an die Erdmanns und Gute Besserung für deine Mutter!

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    1. Danke schön - Grüße richte ich aus an meine Mutter, die Erdmanns sind ja erfunden bzw. sie heißen gar nicht so. Es ist eine Geschichte aus meiner Kindheit - also seeeehr lange her. :)

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  4. Wiwe schön, liebe Regina!
    JA, eine solche Familie Erdmann zu haben, ist ein Glücksfall....
    Ich wünsch Dir einen schönen und glücklichen Tag!
    ♥ Allerliebste Grüße Claudia ♥

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    1. Danke schön, liebe Claudia,
      ich wünsche dir ebenfalls einen wunderbaren Tag!
      Liebe Grüße
      Regina

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