Sonntag, 21. Oktober 2012

Und der Hans schleicht umher

In letzter Zeit passierte es immer häufiger, dass Marga Sätze nicht zu Ende sprach und ihre Gedanken nicht weiterführen konnte. Auch stellte sie andauernd seltsame Fragen, die sich auf längst in Vergessenheit geratene Ereignisse bezogen.
Die Familie hatte sich daran gewöhnt und alle versuchten Marga das Gefühl zu geben, dass das ganz normal sei.
Marga selbst aber kam damit nicht zurecht. Oft hatte sie das Gefühl, sich außerhalb ihres Körpers zu befinden und sich von dort zu beobachten. Dann sah sie ihre leeren Augen, ihr hilfloses Gesicht, wenn sie einen Satz begonnen hatte und schon nach dem zweiten Wort nicht mehr wusste, was sie eigentlich sagen wollte.

„Wirst du …?“, stammelte Marga, als sie mit Hans im Wohnzimmer saß und an den Socken für Klaus, ihren jüngsten Sohn, strickte.
Hans sah von seinem Buch auf.
„Ja? Was werde ich?“, gleich versenkte er seinen Blick wieder in das Buch. Er erwartete wohl keine Antwort auf seine Frage. Zu oft hatte er diese Situation schon erlebt.
Marga stierte mit leerem Blick vor sich hin, ihre Hände ruhten auf ihrem Schoß.
Warum kann ich nicht sagen, was ich will? Was ist mit mir los, warum gehorcht mir meine Stimme nicht mehr?
Eine Träne löste sich aus ihren Augen, ein Schluchzen folgte. Hans sah bei dem ungewohnten Geräusch auf.
„Was hast du denn, Marga? Geht es dir nicht gut?“
Marga war nicht in der Lage zu antworten. Sie stützte sich auf die Armlehnen des Sessels und versuchte aufzustehen, doch auch ihre Beine gehorchten nicht. Sie ließ sich zurück in den Plüschsessel fallen und atmete schnell mit lautem Rasseln.
„Klaus, komm schnell! Irgendetwas ist mit Mutter.“, Hans schrie in Panik, denn Marga hatte den Kopf zur Seite fallen lassen und atmete nun nur noch ganz flach. Klaus stürzte ins Zimmer und nahm das schlaffe Handgelenk seiner Mutter, um ihren Puls zu fühlen.
„Ruf schnell den Krankenwagen, Vater. Es wird besser sein, vielleicht ist es noch nicht zu spät.“, dann legte er den Kopf auf Margas Brust.
„Ihr Herz schlägt noch, wir sollten sie hinlegen. Hast du den Krankenwagen gerufen?“
„Ja, sie kommen sofort.“

Marga hatte die Augen geschlossen. Sie hätte sie so gern geöffnet, doch es gelang ihr nicht.
„Lasst mich doch!“, wollte sie rufen, doch kein Ton kam aus ihrem Mund. Sie wollte sterben, wollte endlich bei ihrem geliebten Sohn sein, der vor einem halben Jahr gestorben war. Wie sehr hatte sie darauf gewartet, ihm endlich folgen zu können. Jetzt war es soweit, das spürte sie ganz deutlich.
Sie hörte das Martinshorn, die aufgeregten Stimmen von Hans und Klaus im Flur und dann die fremde Stimme des Notarztes.
„Frau Solms, können Sie mich hören? Ich bin Dr. Winkler und werde Sie jetzt untersuchen.“
Marga wollte nicken. „Ja, ich verstehe jedes Wort!“, wollte sie rufen und „Bitte lassen Sie mich sterben.“
Doch niemand konnte sie hören, niemand fühlte, was sie sich wünschte. Sie bekam eine Spritze, wurde auf eine Trage gelegt und angegurtet. Sie bekam das alles mit und sie wollte sich wehren. Ihr Körper aber gehorchte ihr nicht mehr, sie musste sich kampflos ergeben.

Voller Sorge betrachtete Hans das leblose Gesicht seiner Frau, mit der er seit fast dreißig Jahren verheiratet war.
„Marga“, flüsterte er. „Marga, du darfst mich nicht allein lassen.“
Der junge Arzt, der an Hans' Seite stand, legte seine Hand beruhigend auf dessen Schulter.
„Reden Sie mit ihr, das ist richtig. Sie wird spüren, dass Sie bei ihr sind.“
„Wird sie es schaffen, Herr Doktor? Sie ist doch erst Fünfzig!“
Der Arzt legte den Zeigefinger auf die Lippen.
„Kommen Sie, wir gehen einen Moment hinaus. Ihre Frau ist in den besten Händen.“ Er nickte kurz der Schwester zu, die in dieser Nacht Dienst auf der Intensiv-Station hatte.
Dann gingen die beiden Männer hinaus auf den Flur und nahmen auf den Besucherstühlen Platz.
„Ist irgendetwas passiert, geht es ihrer Frau schon länger nicht gut?“
„Sie war in den letzten Monaten so komisch. Aber das ist ja auch kein Wunder. Wir haben unseren ältesten Sohn verloren. Er starb bei einem Autounfall. Marga, meine Frau, ist seitdem nur noch traurig, manchmal glaubte ich, sie war gar nicht anwesend, obwohl sie mir gegenüber saß. Wissen Sie, Herr Doktor, mir geht es auch nicht gut und ich bin genau so traurig wie sie, aber ich hatte besonders in den letzten Wochen kaum Gelegenheit zu trauern, so große Sorgen habe ich mir gemacht.“
Der Arzt schaute Hans nachdenklich an.
„Nimmt sie irgendwelche Medikamente?“
„Soweit ich weiß nimmt sie keine Tabletten mehr. In den ersten drei Monaten hat sie einige Spritzen von unserem Hausarzt bekommen. Ich habe ihr gerade gestern noch gesagt, dass wir unbedingt noch einmal den Arzt aufsuchen sollten, weil sie doch so vergesslich war. Ich fand das alles nicht mehr normal. Sie ist eine so gebildete Frau und hatte immer so viel zu sagen, aber seit Peters Tod redete sie kaum noch mit uns.“
Hans wurde von einem Weinkrampf geschüttelt, er nahm die Brille ab und legte sein Gesicht in die Hände. Der Arzt ließ ihn weinen.
„Es tut mir leid, Herr Solms. Es kommt ja nun wieder einiges auf sie zu. Ihre Frau liegt im Koma, ich weiß nicht, ob sie jemals wieder aufwachen wird. Wir werden alles was in unserer Macht steht für sie tun in und Sie müssen uns dabei helfen.“
„Das werde ich, Herr Doktor. Sagen Sie mir nur, was ich tun muss.“ Hans nahm die Hände des Arztes und schaute ihn flehend an. In seinen Augen stand das unsagbare Leid, das er im Moment empfand.

Zwei Wochen später, Margas Zustand war unverändert, saß Hans an ihrem Bett und las aus ihrem Lieblingsbuch vor. Sie wechselten sich ab, er und Klaus. Tagsüber war immer einer der beiden an Margas Bett. Sie redeten mit ihr, erzählten Geschichten aus der Vergangenheit, lasen ihr vor und warteten auf eine Regung in ihrem Gesicht.
„Marga, ich war heute auf dem Friedhof bei unserem Jungen. Die Geranien, die wir gemeinsam gepflanzt haben blühen so schön. Du würdest deine Freude daran haben. Peter schaut sicher von dort oben auf uns herab und er macht sich Sorgen um uns. Weißt du, ich kann ja verstehen, dass du gern bei ihm sein möchtest. Aber denk doch auch an mich, was soll ich ohne dich tun?“ Hans schluckte. Ihm war erst jetzt klar geworden, dass ihre Erkrankung damit zu tun haben könnte, dass sie sich so sehr wünschte, bei ihrem Sohn zu sein. Sie hatte das sogar einmal gesagt und er hatte mit ihr geschimpft. „Reiß dich doch zusammen!“, hatte er gesagt und das tat ihm heute unendlich leid. Wie sehr musste es sie verletzt haben und wie allein musste sie sich gefühlt haben.
„Schatz, aber wenn du gehen willst, so verstehe ich das auch. Es liegt nicht in meiner Macht, dich zu halten, aber ich würde alles dafür geben, noch einmal mit dir den Sonnenaufgang zu erleben, noch ein einziges Mal in deinen Armen einzuschlafen, noch einmal in deine Augen zu schauen und dir zu sagen, dass ich dich liebe.“
Die Tür des Krankenzimmers wurde leise geöffnet, die Schwester kam herein, lächelte Hans zu und überprüfte den Tropf.
„Na, Herr Solms, wie geht es Ihnen heute? Sie sind sehr blass. Soll ich einmal ihren Blutdruck überprüfen?“
„Nein, danke, Schwester. Es geht schon! Sagen Sie …“
„Ja, was kann ich denn für Sie tun?“
„Glauben Sie, Marga kann mich wirklich hören?“ Hans schaute die Schwester verzweifelt an, er hatte so viel geredet in den letzten zwei Wochen und Marga hatte sich nicht gerührt, kein Wimpernzucken, kein Händedruck, einfach nichts.
„Oh ja, das glaube ich ganz sicher. Wissen Sie, ich rede ja auch mit ihr, wenn ich Nachdienst habe, ich bin sicher, dass sie uns hört und besonders Ihre Stimme oder die ihres Sohnes sind ihr ja so vertraut. Sie wird sich wohl fühlen, wenn sie Sie hört.“
„Dann ist es gut, danke Schwester!“

Hoffnung und Hoffnungslosigkeit wechselten sich ab in den nächsten Wochen. Vater und Sohn wuchsen zusammen durch die Sorge um Marga. Sie ließen es sich nicht nehmen, jede freie Minute bei ihr zu verbringen. Hans, der seit zwei Jahren im vorzeitigen Ruhestand war, hatte viel mehr Zeit, aber Klaus unterstützte ihn wo er nur konnte.
Es war ein Sonntag im Oktober, als Klaus seinem Vater sagte, dass er doch einmal einen ausgiebigen Spaziergang machen sollte.
„Ich habe doch heute frei und kann gut den ganzen Vormittag bei Mama sein. Du gefällst mir in den letzten Tagen gar nicht so recht. Du musst einmal an die Luft, etwas anderes sehen. Tu mir den Gefallen und geh mal in den Stadtpark. Der Herbst hat seinen Einzug gehalten und alles sieht wunderbar aus.“
Hans stimmte, wenn auch widerwillig, zu und machte sich auf den Weg.
„Ich komme dann mittags und löse dich ab, Klaus. Ich danke dir, was täte ich nur ohne dich?“
„Ist schon gut, Vater. Sie ist doch meine Mutter und ich liebe sie genauso wie du.“
Während Hans durch den Stadtpark ging, dachte er über die vergangenen Wochen nach. Er hatte sich viel einfallen lassen. Er hatte geredet, vorgelesen, ja, er hatte ihr sein Tagebuch der vergangenen Jahre vorgelesen, immer in der Hoffnung, dass sie zurückkäme.
„Ich müsste dankbar sein, sie ist ja noch bei mir. Andere Männer verloren ihre Frauen und konnten ihnen nicht mehr sagen, was sie ihnen bedeuteten. So viele Ehen gehen kaputt, wir waren noch immer Liebende, nach all den Jahren. Wie schön haben wir miteinander gesungen, als die Kinder noch klein waren …“, dachte Hans und plötzlich war er ganz aufgeregt. Er wollte sofort zu Marga ins Krankenhaus. Er überlegte es sich aber noch einmal und ging zuvor zu Hause vorbei. Er packte seine Gitarre ein und verließ wieder das Haus, setzte sich in seinen Wagen und fuhr Richtung Krankenhaus.
Mit hochroten Wangen betrat er samt Gitarre das Krankenzimmer.
„Marga, Klaus, ich hatte da eine Idee. Wir haben so lange nicht zusammen gesungen. Heute ist Sonntag und es ist so ein herrlicher Herbsttag. Ich werde jetzt das Lied singen, dass wir den Kindern immer gemeinsam gesungen haben.“
Er stimmte die Gitarre durch und begann mit leiser, leicht zitternder Stimme zu singen:
„Und der Hans schleicht umher, trübe Augen, blasse Wangen und das Herz ihm befangen und der Kopf ihm so schwer …“
Klaus schaute seinen Vater erstaunt an und auch die Schwester, die das Zimmer betreten hatte, blieb stehen und lauschte.
„…und die Liese, vor der Türe, rotes Mieder, goldne Schnüre, schaut hinauf nach dem Himmel und sieht den Hans nicht an. Schaut hinauf nach dem Himmel und sieht die Hans nicht an.“
Hans Stimme wurde immer fester, bis ihn Klaus plötzlich am Ärmel zupfte.
„Schau, Vater!“
Hans blickte seine Frau an, aus ihrem Augenwinkel löste sich eine Träne.

(c) Regina Meier zu Verl

Kommentare:

  1. Liebe Regina, was für eine schöne berührende Geschichte. Habe gerade ein bisschen Gänsehaut.
    Wünsche dir einen schönen Wochenanfang und sende dir liebe Grüße. Lore

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    1. Danke schön, liebe Lore,
      und schon ist wieder der zweite Tag der Woche da, die Zeit fliegt nur so dahin und ich wollte doch so gern Weihnachtsgeschichten schreiben und komme einfach nicht dazu ...
      Gut, dass ich noch fertige Reserven habe.

      Herzliche Grüße und einen schönen Tag dir
      Regina

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  2. Ja, eine Geschichte mit viel Gefühl und Gänsehaut, dem kann ich mich nur anschliessen, liebe Regina!
    Vielen Dank wieder dafür!
    Ich wünsche Dir einen wunderschönen Wochenstart!
    ♥ Allerliebste Grüße Claudia ♥

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    1. Danke schön, Claudia,

      ich freue mich, dass dir auch meine "Erwachsenen"-Geschichten gefallen. Hab einen schönen Tag!

      Liebe Grüße
      Regina

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  3. So hart kann das Schicksal zuschlagen, liebe Regina. Schicksalsschläge machen gedanken- und sprachlos.
    Sehr einfühlsam hast du das beschrieben, zum Glück mit einem guten Ende. Chapeau!

    Liebe Grüße♥

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    1. Danke schön, liebe Gaby,

      ja, manchmal schlägt das Schicksal zu und für die Betroffenen ist es nicht leicht auszuhalten. Schön, wenn es dann doch so manchen Hoffnungsschimmer gibt.

      Herzliche Grüße
      Regina

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