Mittwoch, 3. Oktober 2012

Tante Connys Leuchtturm





Tante Conny sitzt in ihrem Leuchtturm und schreibt Geschichten. Ich beneide sie so sehr. Das wäre auch was für mich, den ganzen Tag auf’s Meer schauen können, dem Geschrei der Möwen lauschen, Tee trinken und Geschichten schreiben.
Tante Conny hat gesagt, ich soll doch einfach schon ein wenig üben. Okay, dachte ich und holte mir ein neues Schulheft aus dem Schrank, um eine Geschichte zu schreiben. Das Problem ist aber, dass ich nicht in einem Leuchtturm wohne, sondern in einer gewöhnlichen Altbauwohnung mitten in der Stadt. Wie soll ich denn hier schreiben können, es geht nicht, ganz und gar nicht.
Dabei wollte ich eine schöne Piratengeschichte schreiben, eine spannende Story, die jeden vom Hocker reißt. Ich hatte auch schon ein paar Ideen, aber die sind plötzlich wie weggeweht. Es hilft nichts, ich muss zu Tante Conny in den Leuchtturm. Irgendwie werde ich Mama überzeugen, dass sie mich zu Conny fährt. Wäre doch gelacht, wenn es dann nicht mit einer Geschichte klappt.
„Mama, ich hab da ein Problem!“, leitete ich das Gespräch mit meiner Mutter ein. Das war immer gut, denn meine Mama war bei jedem Problem für mich da. Sie machte auch gleich ein besorgtes Gesicht und setzte sich zu mir an den Küchentisch.
„Was gibt es denn?“
„Ich möchte eine Geschichte schreiben, über eine Piratenbande, die ihr Unwesen treibt und spannende Abenteuer erlebt.“
„Das ist eine gute Idee. Doch wo liegt das Problem?“
„Ich komme nicht in Stimmung hier, ich muss zu Tante Conny.“
Mama grinste. Sie wusste genau, wie gern ich bei meiner Tante war und dass ich keine Gelegenheit versäumte, sie zu besuchen.
„Grundsätzlich habe ich nichts dagegen, aber du musst Conny anrufen und fragen, ob es ihr Recht ist, wenn  du kommst. du könntest später mit dem Bus zu ihr fahren und wir holen dich dann morgen wieder ab. Aber frag sie erst einmal.“
Das wäre geritzt, jetzt musste ich nur noch meine Tante von der Notwendigkeit meines Besuches überzeugen. Ich wählte ihre Nummer.



Tante Conny hatte Zeit für mich und das war richtig toll. Sie holte mich an der Bushaltestelle ab und wir schlenderten gemütlich zu ihrem Leuchtturm.
„Ich habe schon alles vorbereitet!“, sagte sie geheimnisvoll und ich fragte erstmal nicht weiter nach.
Im Turm angekommen, tranken wir Tee und dazu gab es leckere Butterwaffeln.
„Du kannst dann jetzt in mein Schreibzimmer oben in der Kuppel gehen, ich besorge uns noch etwas für das Abendessen. Stifte und Papier findest du sicher, wenn du willst, kannst du auch auf der alten Schreibmaschine schreiben, darauf habe ich meine besten Geschichten hingekriegt.
Was wollte ich mehr. Ich verzog mich nach oben und schaute erst einmal ein wenig aufs Meer, das ganz ruhig da vor mir lag.
„Es müsste Wellen geben und ein Sturm aufkommen, dann könnte ich besser nachdenken“, dachte ich und kaute an meinen Fingernägeln. Aber es stürmte nicht.
Ich spannte einen Bogen Papier in die mechanische Schreibmaschine und tippte ein paar Probebuchstaben. Na bitte, das klappte ja schon ganz gut. Jetzt brauchte ich nur noch eine Überschrift und dann konnte es losgehen.
Mittlerweile dämmerte es schon draußen. Tante Conny war noch nicht zurückgekommen und ich hatte weder eine Überschrift, noch eine Idee, wie die Geschichte passieren sollte, als ich plötzlich ein seltsames Geräusch hörte. Ich lauschte.
Eine leise Stimme murmelte etwas vor sich hin, so sehr ich mich auch bemühte, ich verstand kein Wort. Ich bekam Angst, schließlich war ich ganz allein im Turm.
„Achthundert Jahre ist es her, da trug ich einen Schatz ins Meer“, sang die Stimme jetzt. Wer war das nur?
„Mein Liebster blieb für immer verschwunden, den Schmerz habe ich nie überwunden“, ging der Gesang weiter.
Ich bekam eine Gänsehaut, wenn diejenige, die da sang wirklich vor achthundert Jahren ihren Liebsten verloren hatte, dann konnte es sich doch nur um einen Geist handelt. Ich schluckte und spannte meine Schultern.
„So ein Blödsinn!“, schimpfte ich laut.

Ich hörte dann eine Weile gar nichts mehr, traute mich aber auch nicht, meinen Platz an der Schreibmaschine zu verlassen. Ich tippte ein paar Worte, als ich mit einem Mal ein lautes Scheppern hörte, das aus der Küche kam.
„Tante Conny?“, rief ich, bekam aber keine Antwort, stattdessen setzte der Gesang wieder ein. Diesmal lauter und eindringlich.
„Wer mir nicht glaubt, der sei verflucht, ich habe lang genug gesucht!“
Ich zitterte und traute mich kaum zu atmen. Die Stimme war jetzt so nah, sicher war dieser Geist hier im Raum, ich musste schnell versuchen Hilfe zu holen.
„Hilfe, Tante Conny, wo bist du denn nur?“, schrie ich und erschrak beim Klang meiner eigenen Stimme.
Aber meine Tante war noch immer nicht zu Hause, ich geriet in Panik und rannte die Wendeltreppe hinunter. Unten war es dunkel und ich stolperte beinahe über Friedolin, den dicken roten Kater, der mich böse anfauchte. Mein Herz hämmerte wie verrückt, ich versuchte, den Lichtschalter zu erreichen, als sich plötzlich eine Hand auf meine Schulter legte.
„Na, mein Junge, hast du deine Geschichte schon fertig?“
Tante Conny stand vor mir.
„Gut, dass du kommst, hier spukt es!“
„Habe ich dir das denn nicht erzählt? Was meinst du, wie ich meine Gespenstergeschichten schreiben könnte, wenn es hier nicht spukte“, sie lachte und stellte die Einkaufstasche ab.
„Nun erzähl mal, aber schön langsam!“
Ich erzählte ihr die ganze Geschichte und hinterher schrieben wir sie gemeinsam auf. In Leuchttürmen schreibt es sich besonders gut, das kann ich euch sagen.


© Regina Meier zu Verl

Kommentare:

  1. Du schreibst wunderschöne Geschichten und Gedichte.

    Ich würde mich auch freun in dir einen Leser meines Blogs zu finden.

    lg Martha.

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    1. Danke schön, Martha,

      ich habe mich schon vor einiger Zeit bei dir eingetragen und komme gern zu dir! Jetzt bin ich für ein paar Tage weg, danach melde ich mich mal in deinem Blog!
      Liebe Grüße
      REgina

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  2. Eine wunderschöne Geschichte wieed,r liebe Regina!
    Es macht immer immer soviel Freude, sie zu lesen!
    Ich wünsch Dir einen ganz tollen und fröhlichen Tag !
    ♥ Allerliebste Grüße Claudia ♥

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  3. Da können ja nur gute Geschichten entstehen, wenn man sein hauseigenes Gespenst hat. Ach wie wäre es schön in so einem Leuchtturm. Lore

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