Freitag, 12. Oktober 2012

Das Medaillon - Ein Märchen für Erwachsene


Das Medaillon

René von Sudermann war froh über das Engagement, das ihm sein alter Klavierlehrer vermittelt hatte. Während er noch zur Musikhochschule ging, hatte er von anderen Auftritten geträumt, von Glanz, Ruhm und von Gagen, die ein sorgenfreies Leben ermöglichten.
Hier in der Hotelhalle des Stadthotels zu spielen war besser als gar nichts zu tun. Trotzdem reichte am Ende eines Monats das Einkommen vorn und hinten nicht. Nie war genug Geld da,  die festen Kosten zu bezahlen und so war René seinem Vermieter mittlerweile die dritte Miete schuldig geblieben.
Sorgen machen schlaflos und Schlaflosigkeit wirkt sich auf die Konzentrationsfähigkeit aus. Wie sollte er gut spielen können, wenn seine Gedanken stets um andere Dinge kreisten?

Seit zwei Wochen saß er jetzt Abend für Abend hier. Er genoss es, auf einem wunderbaren Instrument spielen zu können und betrachtete es nicht als Arbeit sondern als willkommene Übungseinheit.
Manchmal gesellten sich ein paar Hotelgäste zu ihm, luden ihn auf ein Glas Wein ein und spendeten artig Beifall. An anderen Tagen erntete er nur ein Lächeln oder kurzes Kopfnicken von eiligen Menschen, die von Termin zu Termin hasteten.
Heute saß eine ältere Dame im blauen Biedermeiersessel nah beim Flügel. Sie hörte mit geschlossenen Augen zu. In den kurzen Pausen nippte sie an ihrem Tee und versank anschließend wieder in der Musik.
René spielte mit großer Freude, als er die Zuhörerin wahrgenommen hatte und es dauerte gar nicht lange, da vergaß er die Welt um sich herum. Es gab nur noch diesen herrlichen Flügel und ihn, kein Zittern, keine Aufregung, keine Sorgen.
‚Und wenn da draußen nur ein einziger Mensch ist, den du mit deiner Musik berührst, dann hat sich die Arbeit gelohnt’, hörte er die Stimme seines Lehrers, als die letzten Takte einer Mozartsonate verklungen waren.
René schaute kurz auf seine Hände, atmete tief ein und suchte dann den Blick der Weißhaarigen. Sie lächelte und nickte ihm anerkennend zu. René hatte Zeit und Raum vergessen. Als er jetzt auf die Uhr blickte, erschrak er. Es war bereits kurz nach Zehn, der letzte Bus war längst weg und er würde den Heimweg zu Fuß antreten müssen. Doch es machte ihm heute nichts aus, schon lange hatte er nicht mehr so intensiv musiziert wie an diesem Abend.
Die Dame hatte sich erhoben, nahm ihren Mantel und ging zum Ausgang. Sie winkte René zu und verschwand in der Drehtür. René sah ihr nachdenklich hinterher. Dann schloss er den Flügel, holte seine Jacke aus der Garderobe und verabschiedete sich beim Portier.
„Gute Nacht Herr Fischer, bis morgen!“
„Gute Nacht, schlafen Sie gut.“  Fischer reichte ihm einen Umschlag und widmete sich dann wieder seinem Computer, so, als habe er noch wichtige Dinge zu erledigen.

Vor dem Hotel überlegte René, ob er einen Teil der Gage in eine Taxifahrt investieren sollte, verwarf den Gedanken aber gleich wieder. Die frische Luft konnte nicht schaden und es gab so viele unbezahlte Rechnungen, er musste sparen.

Am nächsten Abend war René pünktlich im Stadthotel, er trank eine Tasse Kaffee, bevor er sich an den Flügel setzte, sich kurz konzentrierte und dann sein Spiel mit einem Filmtitel eröffnete. Ein Paar saß in der Hotelhalle bei einem Glas Wein. Sie schauten sich verliebt an und flüsterten leise miteinander. René dachte an Irina und verspielte sich prompt, ließ sich aber nichts anmerken sondern leitete geschickt in eine andere Tonart über und improvisierte eine Weile. Er bemerkte nicht, dass die Zuhörerin vom Vorabend wieder in dem blauen Sessel Platz genommen hatte. Er spielte Irinas Lieblingsstück, eine Filmmusik, den Titel hatte er vergessen, aber die Melodie brannte in seinem Herzen. Das Paar lauschte verzückt.
„Das ist unser Lied“, flüsterte die junge Frau und der Mann nickte.  Er erhob sich, verbeugte sich leicht und forderte die Frau zum Tanz auf. Gedankenverloren tanzten die beiden und als der Schlussakkord verklungen war, applaudierten sie und traten zu René an den Flügel.
„Eine größere Freude hätten Sie uns heute nicht machen können, vielen Dank!“, sagte der Mann mit strahlendem Blick.
„Wir feiern unseren ersten Hochzeitstag“, erklärte die junge Frau und reichte René die Hand.

Die alte Dame beobachtete die Szene lächelnd. Klein und zerbrechlich wirkte sie, das helle Seidenkleid unterstrich ihre vornehme Blässe, nur die hohen Wangen waren leicht gerötet. Ein goldenes Medaillon an einer langen Kette war der einzige Schmuck, den sie trug. Sie nickte René kurz zu, als wollte sie sagen:
„Jetzt bin ich dran, spiel für mich!“
René legte die Hände auf die Tasten, schloss die Augen und spielte Chopin „Impromptu-Fantasie“ Op. 66, das Stück, das er bei seinem ersten Konzert spielen wollte, bevor ihn das Lampenfieber übermannte und er nicht auf die Bühne gehen konnte. Es gelang heute ohne einen einzigen Patzer und René erfüllte eine ungeheuere Befriedigung, nachdem er geendet hatte.



Es waren weitere Gäste hinzugekommen, die sich in den Sitzgruppen niedergelassen hatten.
Die Dame saß ruhig in ihrem Sessel und lächelte. Ihre weiße Hand umschloss das Medaillon.
René begann erneut zu spielen, diesmal den dritten Satz der Mondscheinsonate. Auch dieses Stück hatte einmal zu seinem Konzertrepertoire gehört, aber er hatte es lange nicht gespielt. Trotzdem gelang es ausgezeichnet. René war glücklich. Er spielte und spielte, die vereinbarte Zeit hatte er längst überschritten, doch er konnte sich nicht vom Flügel lösen. Seine Wangen glühten.

Endlich ließ er die Arme sinken und schloss für einen Moment die Augen. Die wenigen Zuhörer spendeten Beifall. René erhob sich, deutete eine Verbeugung an und ging auf die Dame im blauen Sessel zu. Er nahm ihre Hand und deutete einen Handkuss an.
„Danke“, sagte er und die Dame sah ihn verwundert an.
„Ich habe Ihnen zu danken, Sie haben mich sehr glücklich gemacht heute und nicht nur mich. Schauen Sie das junge Paar dort drüben, sie sind verzaubert von der Musik. Es war einfach wunderschön.“
„Ich habe lange nicht spielen können, Sie waren es, die mir Mut gemacht hat. Dafür bedanke ich mich. Werden Sie morgen Abend wieder kommen?“, fragte René.
„Vielleicht“, antwortete sie mit einem Lächeln und erhob sich. Sie ließ sich von René in den Mantel helfen, lehnte aber sein Angebot ab, sie nach Hause zu begleiten.
„Lassen Sie nur, mein Herr. Ich werde erwartet.“
René sah ihr nach. Dann holte er seine Jacke und nahm seinen Umschlag beim Portier in Empfang. Vor dem Hotel schaute er sich nach der Dame um, sah sie aber nirgends.
‚Komisch’, dachte er, sie müsste doch noch irgendwo sein, so schnell konnte sie sicher nicht laufen und einen Wagen hatte er auch nicht bemerkt.
Insgeheim ärgerte er sich darüber, dass er sich nicht einmal vorgestellt hatte. Auf diese Weise hätte er ihren Namen erfahren, er fühlte sich mit ihr verbunden, denn sie hatte es geschafft, dass er musizieren konnte wie lange nicht mehr.
Seit Irina nicht mehr da war, gab es keinen Menschen, der diese Vertrautheit in ihm ausgelöst hatte. Irina war weit weg, in Russland, bei ihrer Familie. Ihre Mutter war sehr krank und brauchte die Tochter zu Hause. René verstand das, aber auch er brauchte jemanden, mit dem er reden konnte, für den es sich lohnte, morgens aufzustehen und sich dem Leben zu stellen. Das war manchmal nicht leicht, es gab Tage, da zog er sich die Decke übers Gesicht und weigerte sich, ins Antlitz des Morgens zu schauen.

Vielleicht kam die Dame ja am nächsten Abend wieder ins Hotel, dann würde er nach ihrem Namen fragen und vielleicht konnten sie ein Glas Wein trinken und ein wenig reden.

Am nächsten Abend war René enttäuscht, sie nicht zu sehen. Er machte sich Gedanken und fragte sich, ob sie möglicherweise krank geworden war. Die Vorstellung, dass sie dort im Sessel sitzen könnte, half ihm aber, sich wieder dem Klavierspiel hinzugeben. Er hatte sich schon im Laufe des Tages überlegt, welche Stücke er heute spielen sollte, um die Dame zu unterhalten und ihr eine Freude zu machen.
Anschließend ging er traurig nach Hause. Wieder dachte er an Irina und nahm sich vor, sie am nächsten Tag anzurufen. Vielleicht könnte er versuchen, das Geld für einen Flug nach St. Petersburg zusammen zu bekommen, damit er sie besuchen könnte.

In der Nacht träumte er davon, auf einer Bühne zu sitzen und Chopin zu spielen. Wieder war es die Fantasie Impromptu, die er vortrug und wieder spielte er sie fehlerfrei und ausdrucksvoll, so dass er selbst sich berauscht fühlte von der Musik, die sein ganzes Herz erfüllte. Als er sich erhob, um sich vor dem Publikum zu verbeugen, saßen lediglich zwei Frauen in der ersten Reihe des Konzertsaales. Irina und die alte Dame, beide applaudierten und erhoben sich von den Polstersesseln. René wollte die Bühne verlassen und zu den Frauen gehen, doch seine Beine gehorchten nicht.
„Irina!“, wollte er rufen, doch die Stimme versagte. Irina lächelte, dann nahm sie die alte Dame am Arm und beide verließen den Saal.
René wachte auf, sein Gesicht war tränennass und seine Hände zitterten, als er den Lichtschalter suchte.
Es dauerte lange, bis er sich wieder beruhigt hatte. Immer wieder hörte er innerlich den Anfang der Chopinmusik, die sein Herz rasen und ihn erst wieder ruhig werden ließ, wenn im Mittelteil die ruhigere Melodie ihn sehnsuchtsvoll ergriff. Er spürte, dass er zu Irina musste, der Traum hatte ihm ein deutliches Zeichen gegeben. Er brauchte sie wie die Luft zum Atmen.

Am Abend ging er ins Hotel, obwohl er sich kaum in der Lage fühlte, Klavier zu spielen. Inständig hoffte er, die ihm mittlerweile vertraute Dame anzutreffen, doch er wartete wieder vergebens. Die Zeit verging nicht, René spielte lustlos einige einfache Kompositionen. Er wusste, dass er auf diesen Job angewiesen war, wenn er nach St. Petersburg wollte und morgen würde er sich nach einer Zusatzarbeit umsehen. Vielleicht konnte er Zeitungen austragen oder irgendeine andere Arbeit finden. Wie gewohnt ging er zum Portier, um seine abendliche Gage abzuholen.
Herr Fischer händigte ihm zwei Umschläge aus.
„Der hier ist für Sie abgegeben worden!“, sagte er und wandte sich einem Gast zu, der ungeduldig mit den Fingernägeln auf den Tresen trommelte.
„Können Sie mir sagen, wer den Umschlag hinterlassen hat?“, fragte René. Doch der Portier hob ahnungslos die Schultern.
„Mein Dienst begann erst um sieben“, sagte er, „der Brief war schon da, als ich kam!“
Grußlos verließ René das Hotel, konnte es aber nicht erwarten, den Umschlag zu öffnen. Vorm Eingang blieb er stehen und riss das Kuvert auf.

„Lieber René, entschuldigen Sie, dass ich Sie so anspreche, aber Sie sind mir sehr vertraut, dass ich es mir erlaube. Sie haben mich mit ihrem Klavierspiel von Herzen erfreut, darum möchte ich Ihnen heute meinerseits einen Wunsch erfüllen. Ich habe etwas Geld beigelegt und bitte Sie es anzunehmen. Leider kann ich nicht mehr kommen, aber in meinem Herzen trage ich die Melodien, die sie für mich gespielt haben. Vielleicht werden Sie irgendwann verstehen, wie wichtig das für mich war. Mit herzlichen Grüßen wünsche ich Ihnen alles Gute für die Zukunft, Ihre Marie S.“

René hielt den Brief in der einen und die Geldscheine in der anderen Hand. Das alles kam ihm vor wie ein Traum. Das großzügige Geschenk ermöglichte ihm, schon bald nach Russland zu fliegen und seine Irina in die Arme zu schließen. Ein Wunder!
„Danke!“, rief René und einige Passanten blieben erstaunt stehen. Als René einen Freudensprung machte, schüttelten sie lächelnd die Köpfe.
„So ein verrückter Kerl, jung müsste man sein“, sagte der Taxifahrer zu seinem Kollegen. Dann öffnete er René die Beifahrertür seines Taxis.
„Steigen Sie ein, junger Mann. Wohl im Lotto gewonnen!“
„So ähnlich“, grinste René und ließ sich auf den Sitz fallen.

Am nächsten Morgen buchte er einen Flug nach St. Petersburg und einen Tag später war er auf dem Weg zu Irina. Er hatte sie nicht angerufen, weil er sie überraschen wollte.
Während des Fluges dachte er immer wieder an Marie. Wer war sie und woher kannte sie seinen Namen? Ob er sie jemals wieder sehen würde?
Um sich abzulenken studierte er eine Partitur und schon bald vergaß er die Welt um sich herum. Er war eins mit der Musik und schon bald würde er mit Irina wieder vereint sein.

Stunden später stand er vor ihrer Haustür. Sein Herz klopfte bis zum Hals, als er den Klingelknopf drückte. Irina öffnete ihm. Sie war so klein und blass, ihre Augen, die vom Weinen gerötet waren, weiteten sich.
„Du?“, fragte sie, dann brach sie in Tränen aus und als er sie im Arm hielt, zitterte ihr Körper und bebte vor Schluchzen.
„Irina, Liebling, was ist denn nur los?“ René ahnte, dass ihr Gefühlsausbruch nichts mit seinem Erscheinen zu tun hatte.
„Sie ist tot“, stammelte sie. „Meine Mutter ist tot.“
In der Hand hielt sie ein goldenes Medaillon, das sie mit zitternden Fingern öffnete.
„Schau, das ist sie. Sie hat es mir kurz vor ihrem Tod geschenkt!“
René betrachtete das Foto im Inneren des Medaillons, es zeigte Marie.

© Regina Meier zu Verl

Kommentare:

  1. Hallo Regina,

    das ist eine schöne Geschichte! Ich liebe diese Art Geschichten mit ein wenig Unerklärlichem sehr.

    Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende.

    Liebe Grüße

    Kerstin mit Finchen und Ayla

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    1. Vielen Dank, ihr Drei,

      ich freue mich, dass die Geschichte gefallen hat!

      Herzliche Grüße
      Regina

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  2. Liebe Regina,
    wieder eine wunderbare Geschichte! Vielen Dank dafür!
    Ich wünsche Dir einen wunderschönen Herbsttag und ein wunderschönes Wochenende !
    ♥ Allerliebste Grüße Claudia ♥

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    1. Danke schön, Claudia,

      das wünbsche ich dir auch!

      Herzliche Grüße
      Regina

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  3. eine zu Herzen gehende Geschichte, aber Grübeln muß ich doch, die Mutter liegt krank in St. Petersburg, die Dame sitzt in Deutschland und hört dem Klavierspiel zu, dann hat die Tochter das Medallion?? Bin ich zu nüchtern, ohne Phantasie??

    LG
    Brigitte

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    1. Liebe Brigitte,

      danke schön fürs Lesen. Stell dir einfach vor, dass die alte Dame nur in der Fantasie des Pianisten existiert - bleibt noch die Frage, woher das Geld kommt, aber es gibt ja Dinge zwischen Himmel und Erde, die sich nicht erklären lassen, ein Märchen eben.

      Liebe Grüße
      Regina

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  4. Nun habe ich doch tatsächlich Gänsehaut bekommen. Eine wunderschöne Geschichte. Danke liebe Regina. Lore

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  5. Ja, dass muß ich auch sagen. Die Geschichte war sehr anrührend. Wunderschön! Danke!

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  6. Ja, Regine, es gibt Dinge, die man sich nicht erklären kann, schön ist die Geschichte auf jeden Fall.

    LG
    Brigitte

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