Dienstag, 18. September 2012

Ich denke noch oft an Maria Teil 3

Maria hatte immer Hunger. Sie war eine zierliche Person und ich wunderte mich oft, wo diese Mengen an Essen blieben. Man sah es ihr nicht an, dass sie ein so guter Futterverwerter war. Sie bevorzugte alles, was sie mit einem großen Löffel vom Teller schaufeln konnte. Also kochte ich abwechslungsreiche Eintopfgerichte, mundgerecht.


Bei der Zubereitung half sie gern. Am liebsten schälte sie die Kartoffeln in kleine Würfel. Ich musste aufpassen, dass sie in ihrem Eifer nicht zu viele Kartoffeln verarbeitete, denn sie hatte ja immer für eine große Familie gekocht und hatte nun das Maß verloren.

An dem Tag, von dem ich heute erzähle, gab es Bohneneintopf mit frischem Suppengemüse aus dem Garten und herrlich duftendem Bohnenkraut. Um Maria eine Freude zu machen, hatte ich Hähnchenfleisch mitgebracht, das ich in Pfanne in kleinen Stückchen angebraten hatte. Kurz bevor der Eintopf fertig war, legte ich das Fleisch mit in den Topf und schloss den Deckel, damit es noch eine Weile durchziehen konnte. Dann schlug ich Maria vor, noch einen kleinen Rundgang durch den Garten zu machen.
„Nee, das mach du mal allein, ich bin heute schon so viel herummarschiert, ich will mich ausruhen!“, sagte sie und ließ sich auch nicht umstimmen.
„Na gut, dann mache ich noch schnell die Betten, danach können wir dann essen!“ Ich ging ins Schlafzimmer und brauchte ungefähr zehn Minuten. 

Als ich in die Küche zurückkam, stand Maria vorm Herd, den großen Löffel, den sie in der Hand hatte, warf sie mit einem Schwung in die Spüle, die drei Schränke weiter stand. Dann drehte sie auf dem Absatz um und rannte zu ihrem Platz auf der Eckbank.
„Ich war das nicht!“, behauptete sie, dabei hatte ich noch gar nichts gesagt. War ja auch nicht schlimm, sie durfte probieren, so viel sie wollte.
Angestrengt schaute sie anschließend auf ihre Hände, so als gäbe es da etwas Wichtiges zu sehen. Sie fühlte sich ertappt und ich musste innerlich grinsen. Wie ein kleines Kind, das etwas Schlimmes gemacht hat benahm sie sich.
„Können wir jetzt endlich essen?“, fragte sie nach einer kurzen Schweigeminute.
„Klar!“ Ich holte die Suppenkelle, stellte einen Untersetzer auf den Tisch und wollte ihr den Teller füllen. Ich staunte nicht schlecht, als ich im Topf nicht ein einziges Stückchen Fleisch mehr vorfand. Es waren drei Hähnchenschnitzel drin gewesen, vor zehn Minuten noch. Maria hatte sie verputzt ohne mit der Wimper zu zucken.
Als sie das Gebet gesprochen hatte und wir uns einen guten Appetit wünschten, schaute sie irritiert auf den Teller und sagte: „Kind, in einen Eintopf gehört ein gutes Stück Fleisch, denk nächstes Mal dran. Ich esse am liebsten Geflügel!“
Ich konnte mich nun nicht mehr zusammenreißen und lachte lauthals los. Maria lachte mit.
„Ist doch nicht so schlimm!“, tröstete sie mich. „Das lernste auch noch!“

Kommentare:

  1. Hallo Regine,

    diese Geschichte (Erlebnis) ist wundervoll, liebevoll geschrieben und es weckt auch in mir Erinnerungen.
    Lg

    Barbara

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    1. Danke schön, Barbara!

      Viele Grüße
      Regina

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  2. das Leben schreibt oft die wundersamsten Geschichten..grins
    LG vom katerchen

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    1. So ist es, Katerchen,

      liebe Grüße
      Regina

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  3. Wie ich schon sagte Maria ist bezaubernd. Dieser Kleinmädchen Charme, wie ein kleines Kind das etwas angestellt hat und dann ganz unschuldig. Am Schluss dann noch setzt sie eins drauf. Herrlich. Ich denke mir, dass Demenz die Persönlichkeit nicht ganz verändert. Lore

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    1. Danke schön, liebe Lore,

      ich glaube auch, dass die Demenz einen Menschen nicht völlig verändert. Allerdings können Eigenschaften hervortreten, die früher nicht sichtbar waren, oder die nicht ausgelebt wurden. Ich habe z.B. Menschen kennen gelernt, die in der Demenz wütend und agressiv waren, diese Gefühle hatten sie, als sie noch nicht krank waren, wohl besser unter Kontrolle.
      Maria war aber eine süße kleine Lady, die man einfach nur gernhaben konnte.

      Liebe Grüße
      Regina

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  4. Ja, eine wirklich wieder bezaubernde Geschichte, liebe Regina!
    Ich wünsch Dir einen schönen und fröhlichen Tag!
    ♥ Allerliebste Grüße Claudia ♥

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    1. Danke schön, liebe Claudia!

      Herzliche Grüße
      Regina

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  5. Ich mag deine Maria und hoffe, es gibt noch viele Erinnerungen an sie.
    Lieber Gruß
    Sally

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