Samstag, 1. September 2012

Die Elfe Sumsinella, Familie Drossel und das Kuckucksei (7)

Die Elfe Sumsinella, Familie Drossel und das Kuckucksei

Die feinen Zweige der Birke wiegten sich im Wind. Auf dem Teich drehte eine Entenfamilie ihre Runden. Sumsinella saß auf einer Baumwurzel und kaute auf einem Grashalm.
„Na, kleines Elfenkind! Bist du etwa traurig?“
„Nö, aber du hast mich erschreckt. Mach das nicht noch einmal!“ Pieps lachte, es machte ihm große Freude, kleine Elfenmädchen zu erschrecken. Es gab sonst kaum jemanden, der sich vor einem Spatzenkind fürchtete, im Gegenteil, überall lauerten Gefahren.
„Habe ich doch nicht böse gemeint, du kennst mich doch!“
„Ja, ich kenne dich und ich weiß genau, wie gern du dich leise anschleichst.“ Sumsinella kicherte. Pieps war einer ihrer besten Freunde und sie konnte ihm nicht lange böse sein.
„Hast du schon gehört, dass es die Drossel erwischt hat?“, fragte Pieps.
„Nein, was ist denn mit ihr?“
„Man hat ihr ein Kind untergeschoben. Herr Drossel ist völlig außer sich und beschimpft seine Frau heftig. Die Arme weiß schon gar nicht mehr, was sie machen soll.“
„Wie, ein Kind untergeschoben, ich verstehe das nicht!“ Sumsinella war entsetzt, sie kannte die Drosselfamilie gut und wusste, dass die Vogeleltern auf ihren Nachwuchs warteten.
„Ja also, das war so: Im Nest waren vier Eier, die bebrütet wurden. Immer abwechselnd saßen die Eltern auf dem Nest. Vor ein paar Tagen, als die Eltern gerade wieder wechseln wollten, stellte Herr Drossel fest, dass es plötzlich fünf Eier waren.“
Sumsinellas Augen wurden immer größer.
„Ja, und dann? Was ist dann passiert?“
„Frau Drossel hat hoch und heilig geschworen, dass sie kein weiteres Ei gelegt hat, während Herr Drossel auf Nahrungssuche war.“ Pieps nahm einen kleinen Schluck Wasser, seine Kehle war schon ganz rau vom vielen Piepsen.
„Sind die Jungen denn schon geschlüpft?“, wollte Sumsinella wissen, doch Pieps schüttelte den Kopf.
„Nein, aber es muss bald soweit sein. Allerdings weigert sich das Drosselmännchen beharrlich, seiner Frau beim Brüten behilflich zu sein und er füttert sie auch nicht. Ein Drama, ein echtes Familiendrama!“
Sumsinella nickte.
„Wir müssen ihr helfen!“, beschloss sie. „Wir werden sie zuallererst mal füttern und dann sehen wir weiter!“
„Okay, ich suche einen Regenwurm oder was anderes Essbares, flieg du schon zum Drosselnest und beruhige Frau Drossel!“
Der Spatz machte sich gleich auf die Suche, pickte hier und da und wurde bald fündig. Sumsinella flog unterdessen zum Nest und sprach beruhigend auf Frau Drossel ein.
„Wir kriegen das schon wieder hin, meine Liebe. Sicher war der Kuckuck der Übeltäter. Ich habe ihn schon vor ein paar Tagen rufen gehört. Er treibt sich hier in der Gegend herum.“
Während sie sprach, kam Pieps mit einem dicken Wurm und hielt ihn Frau Drossel hin, die ihn genüsslich verspeiste.
„Mit einem vollen Bauch kann ich gleich wieder besser denken!“, schwärmte sie.
Herr Drossel, der ein paar Äste über dem Nest sein Quartier bezogen hatte, schämte sich, dass so ein mickriger Spatz seine Frau füttern musste. Auf den Kuckuck war er noch gar nicht gekommen, in seiner Wut waren die Gedanken einfach nur durcheinander getanzt wie ein Mückenschwarm.
„Liebling, es tut mir so leid“, flötete er.
Doch Frau Drossel zeigte ihm die kalte Schulter, wenn die Kinder erst da waren, konnte sie ihm immer noch verzeihen. Und wie sie sich kannte, würde sie das auch tun.

© Regina Meier zu Verl

Kommentare:

  1. Einfach nur herrlich, diese Geschichte. Ich ahnte bisher gar nichts von den Tragödien, die sich in manchen Vogelfamilien abspielen. Alles Liebe!

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    1. Danke schön, Martina,
      bei den Tieren ist es genau wie bei uns, Zwischentierisches nennt man das wohl. Wenn man einfach nur still dasitzt und den Tieren lauscht, dann erzählen sie die Geschichten rund um ihr Leben und dass Vater Drossel empört war, das kann man sich ja wohl gut vorstellen - gut, dass dann doch noch alles in Ordnung kam.

      Einen schönen Samstag dir und viele Grüße
      Regina

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