Samstag, 29. September 2012

Das Mädchen Auraria - ein Märchen

Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die wünschten sich ein Kind. Sie waren schon alt, beinahe zu alt, um Eltern zu sein. Aber der Wunsch war noch immer da, ja, er wurde von Tag zu Tag größer.
„Was können wir denn nur tun, um doch noch ein Kind zu bekommen?“, fragte die Frau und der Mann zuckte die Achseln.
„Wenn Gott es nicht will, dass wir ein eigenes Kind haben, dann sollten wir unser Schicksal annehmen. Es gibt so viele arme Kinder auf der Welt, da wird schon eines dabei sein, um das wir uns kümmern können.“
Die Augen der Frau fingen an zu leuchten. Daran hatte sie ja noch gar nicht gedacht und es freute sie, dass sie einen so klugen Mann hatte.
Gleich am nächsten Tag meldeten sie sich beim Amtsvorsitzenden und fragten nach, was zu tun sei.
Der lehnte sich in seinem Ledersessel zurück, strich sich über den dicken Wanst und grinste von einem Ohr zum anderen.
„Seid ihr denn vermögend? Es ist nicht ganz billig, ein Kind zu bekommen, das wisst ihr doch sicher.“, fragte er, stopfte seine Pfeife, um sie gleich darauf mit einem langen Zündholz anzustecken.
„Reich sind wir nicht, aber ich könnte schon ein paar Taler beschaffen“, sagte der Mann.
„Komm wieder, wenn du zehn Goldtaler beisammen hast, ich werde derweil sehen, was ich tun kann und meine Fühler nach so einem Balg ausstrecken.“
Der Frau war dieser Amtmann unangenehm, sie zog ihren Mann am Ärmel und schnell verließen sie gemeinsam die Amtsstube.
„Das ist doch ein Verbrecher!“, schimpfte sie, als sie draußen waren. „Der wird uns unser Gold abziehen und ein Kind werden wir niemals dafür bekommen, es sei denn, er stiehlt irgendwo eines.“
Der Mann schwieg, er dachte nach. Den ganzen Weg über zeterte seine Frau und beklagte ihr Schicksal, da wurde es dem Manne mit einem Male zu bunt.
„Halt schon deinen Mund, ich werde ein Kind bekommen, koste es was es wolle und wehe dem, der Amtsbruder betrügt uns, dann soll er sein blaues Wunder erleben.“

Es dauerte gar nicht lange, da hatte der fleißige Mann die zehn Taler zusammen und er ging zum Amt, um nachzufragen, ob denn schon ein Kind in Aussicht stand.
Er zählte dem Vorsitzenden das Geld auf den Schreibtisch und dieser gab ihm einen Zettel, auf dem die Anschrift einer Familie stand, die viele Kinder hatte und nicht wusste, wie sie alle ernähren sollte.
„Ich habe sie alle sehr lieb und kann nicht entscheiden, welches wir dir geben sollten. Also lasse ich dich allein mit den Kindern und du nimm mit, welches du möchtest. Ich gehe so lange in die Küche und weine.“, jammerte die Frau.
„Weißt du was, liebe Frau. Dein Kind soll es bei uns gut haben und jedes Mal, wenn sich der heutige Tag jährt, werde ich dich mit ihm zusammen besuchen, damit du siehst, dass es bei uns ein gutes Leben hat. Du musst mir aber versprechen, dass du dem Kinde niemals sagen wirst, dass du seine wahre Mutter bist.“
Die Frau versprach es und dankte dem Mann. Er nahm das jüngste Kind aus der Wiege, ein Mädchen. Er hüllte es in warme Decken, denn es war Winter und das Weihnachtsfest stand vor der Tür.
„Wie heißt das Kind“, fragte er noch, als er schon auf der Schwelle des Hauses stand.
„Ihr Name ist Auraria.*“, sagte die Mutter mit tränenerstickter Stimme. Dann küsste sie das Mädchen ein letztes Mal auf die Stirn und schloss die Tür.

Der Mann hielt das Kind unter seinem Mantel verborgen, dort war es warm und kein Wind konnte der Kleinen Schaden zufügen. Er stapfte durch den tiefen Schnee und freute sich auf seine warme Stube.
Dort wurde er sehnlich von seiner Frau erwartet.
„Das ist Auraria, unsere Tochter.“, sagte er stolz und legte seiner Frau das Bündel auf den Arm. Die koste und herzte das kleine Mädchen, dann legte sie es in die Wiege, die sie liebevoll hergerichtet hatte.
Am Weihnachtsabend, als die Stube vom Glanz der Kerzen erfüllt war, lächelte Auraria das erste Mal ihre neuen Eltern an.
„Endlich sind wir eine richtige Familie“, sagte die Frau und strahlte vor Glück.

Schon sehr bald stellten sich die ersten Probleme ein. Auraria bekam hohes Fieber und mochte nicht mehr trinken. Die Eltern waren sehr besorgt und ließen den Arzt kommen, der aber nichts feststellen konnte, was er hätte heilen können.
„Sie scheint mir traurig zu sein, ich weiß nicht was ihr fehlt. Körperlich ist sie gesund.“, sagte er und legte noch einmal das Hörrohr an das Herz des Kindes.
„Ja, ja, alles in Ordnung! Haltet sie nur schön warm und versucht ihr zu trinken zu geben, so oft es eben möglich ist. Dann wird sie sich erholen.“
Als der Doktor das Haus verlassen hatte, sagte der Vater:
„Dem Kind fehlt seine wahre Mutter, ich werde sie holen, damit kein Unglück geschieht.“
Doch das wollte die Frau nicht, sie hatte Angst, dass die Fremde ihr Mädchen wieder mitnehmen würde.
„Ich werde ihr kühle Beinwickel machen und die ganze Nacht neben ihrem Bett sitzen und leise singen. Das wird ihr schon helfen. Wenn es am Morgen noch immer nicht besser ist, bin ich einverstanden, dass du Aurarias Mutter holst.“
Sie tat, was sie versprochen hatte und das kleine Mädchen schaute sie mit großen Augen an und lauschte den Liedern. In den frühen Morgenstunden trank sie sogar den Tee, den die Frau ihr mit einem kleinen Löffel einflößte. Das Fieber sank und die Sorgen waren bald vergessen.
Auraria entwickelte sich prächtig und sie war ein wunderschönes Kind.

Kurz vor dem ersten Jahrestag, an dem der Vater mit Auraria zu ihrer leiblichen Mutter gehen wollte, fragte seine Frau eines Abends:
„Sag mal, ist es dir nicht aufgefallen, dass unser Kind gar keine Haare bekommt. Sie ist schon ein Jahr alt und müsste doch längst Haare haben.“
Darüber hatte der Mann noch gar nicht nachgedacht, aber da es seine Frau nun gesagt hatte, wunderte er sich auch.
„Das wird schon noch etwas werden“, sagte er zuversichtlich und streichelte den nackten Kopf des Mädchens.
„Bis sie Haare hat, wird sie eben ein Mützchen tragen, das muss sie jetzt im Winter ja sowieso, sonst verkühlt sie sich. Strick ihr nur schöne warme Mützen in wunderbaren Farben, sie wird aussehen wie eine Prinzessin.“, riet er seiner Frau und die machte sich auch gleich an die Arbeit.
Am Jahrestag backte sie einen Kuchen, den nahm der Mann mit zu Aurarias Familie. Sieben Kinder hüpften ihnen entgegen, als sie das Haus betraten und nach ein paar Minuten war vom Kuchen kein Krümelchen mehr übrig. Auraria saß auf dem Schoß ihrer leiblichen Mutter und ließ sich liebkosen und als diese ihr das Mützchen abnahm und sah, dass das Kind keine Haare hatte, begann sie zu weinen. Dicke Tränen tropften auf den Kopf des Kindes, die Mutter wischte sie verschämt weg und gab dem Manne das Kind zurück.
„Danke, dass Ihr euer Wort gehalten habt. Wie ich sehe, geht es dem Kinde gut und es fehlt ihr an nichts. Meine Tränen werden auch ihren Haarschopf wachsen lassen. Nichts geht über die Tränen einer Mutter.“, flüsterte sie.
Auraria wurde wieder in die warmen Decken gewickelt und gluckste vor Vergnügen, als der Vater mit ihr in die verschneite Landschaft trat und lustige Schneeflocken durch die Luft wirbelten.
Am Weihnachtsabend saß die Familie abermals zusammen in der guten Stube und als die Mutter dem Kind vor Glück über den Kopf strich, stutzte sie. Ein weicher Flaum bildete sich, noch kaum zu sehen, aber doch zu fühlen. Da war ihr Glück noch größer und das Herz drohte ihr vor Freude im Leib zu zerspringen.
Im Frühling, als die Sonne schon ein wenig wärmte, sprossen die Haare des Kindes schneller, sie waren von goldener Farbe und wurden immer wuscheliger, aber es waren keine Locken.
„Schau doch mal, Aurarias Haare sehen aus wie Entenfedern“, rief die Frau eines Tages. Der Mann holte seine Sehgläser und betrachtete die Sache genau.
„Du hast Recht“, bestätigte er seiner Frau, „es sieht so aus, als wären es Federn, goldene Federn.“
So wuchs Auraria ein Federkleid auf dem Kopfe. Ihren Eltern machte das nichts aus, denn sie liebten das Kind wie ihr eigenes. Die Leute im Dorfe aber lachten über diese seltsame Laune der Natur und hinter dem Rücken der Familie tuschelten sie und machten sich lustig.

Jedes Jahr besuchte der Vater Aurarias rechte Mutter und stellte ihr das Mädchen vor. Die Mutter hielt sich an ihr Versprechen und verriet nichts. Meist bleiben Auraria und ihr Vater nur kurz und verabschiedeten sich schnell wieder. Doch an ihrem fünften Jahrestag geschah etwas, das das Leben aller veränderte.
„Wir sind arm wie die Kirchenmäuse und haben kaum etwas zu essen. Meine Kinder brauchen Schuhe, denn ihre Füße haben schon Frostbeulen. Jeden Morgen gehen sie mit ihren löchrigen Schuhen, die zudem noch viel zu klein sind, in die Dorfschule und wenn sie zurückkommen, dann weinen sie vor Schmerzen.“
Dem Mann tat das Leid und er wollte der Familie helfen. Er überlegte noch, wie er das anstellen sollte, da fasste sich Auraria in den Schopf und zog eine Feder heraus, reichte sie der Mutter und sagte: „Für dich und deine Kinder!“
Die Feder und Federkiel waren aus purem Gold, das die Frau verkaufte. Sie und ihre sieben Kinder konnten davon den Winter überbrücken. Alle Kinder bekamen Schuhe, die vom Dorfschuster angefertigt wurden und die Leute im Dorf wunderten sich über den plötzlichen Reichtum der kinderreichen Familie.

Einmal war Auraria mit ihren Eltern auf dem Markt der Nachbarstadt. Die Mutter wollte Stoffe kaufen, um ihrer Tochter neue Kleider zu schneidern.
Hatten sich die Menschen im eigenen Dorf an den Federschopf der Kleinen gewöhnt, so wurde sie auf dem fremden Marktplatz begafft wie ein Zirkuspferd.
„Schaut mal, eine Ente im Kleid!“, rief ein Bengel und versuchte, eine Feder auszuzupfen. Doch kaum hatte er das Mädchen berührt, erstarrte er zu einer Säule und konnte sich stundenlang nicht bewegen. Nun traute sich niemand mehr in Aurarias Nähe.
Am Stadttor saß ein blinder Bettler, auf den ging das Mädchen zu und sprach eine Weile mit ihm. Dann griff sie in den Federschopf und zog eine goldene Feder heraus, die schenkte sie dem Armen, der sein Glück kaum fassen konnte.

Schon bald hatte es sich herum gesprochen, dass Auraria pures Gold auf dem Kopf trug und niemand machte sich je wieder über sie lustig. Im Gegenteil, jeder wollte plötzlich mit ihr befreundet sein und manchmal standen viele Menschen vor dem Haus der Familie und bettelten um eine Feder aus Aurarias Schopf.
Das Mädchen aber gab nur dem, der in wahrer Not war und wenn man nur einen Versuch wagte, ihr eine Feder zu stehlen, dann musste man damit rechnen, sich nie wieder bewegen zu können.
Von all dem hörte auch der Amtsvorsteher. Er besuchte Auraria und ihre Eltern und wollte Ansprüche geltend machen. Ihm stehe die Hälfte von Aurarias Vermögen zu, schließlich sei er für die Vermittlung zuständig und die alten Eltern hätten niemals ein Kind bekommen, wäre er nicht gewesen. Das teilte er dem Vater lautstark mit und Auraria, die im Nebenzimmer war, hörte jedes Wort.
Sie ging ihn die Stube, hockte sich vor den Amtmann und forderte ihn auf, sich sein Teil zu nehmen. Als dieser zugriff, erstarrte er zu Stein.

So, wie er damals aus Aurarias Stube transportiert wurde, steht er heute als Mahnmal auf dem Dorfplatz und so lange Auraria lebt, wird nie wieder ein Kind verkauft werden oder Hunger leiden müssen.

(c) Regina Meier zu Verl
*lat. Goldgrube

Kommentare:

  1. Das war jetzt schön, ein wunderbares Märchen und man fühlt plötzlich, dass es doch war werde, könnte man den Menschen in Not mit einer kleinen Feder doch helfen und die falschen und habgierigen bestrafen. Liebe Grüße Lore

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    1. Danke schön, liebe Lore,

      nach und nach werde ich auch meine Märchen nun hier unterbringen, sie sind alle etwas länger, deshalb habe ich mich bisher noch nicht getraut!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  2. Ein wundervolles Märchen.

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    1. Vielen Dank, liebe Martina!

      Herzliche Grüße auch hier
      Regina

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