Donnerstag, 23. August 2012

Tütenmilch

„Wir fahren in den Zoo.“
Meine Mutter strahlte über das ganze Gesicht. Es war ihr gelungen,
unseren Vater zu einem Familiensonntag zu überreden.
Damit, dass wir Kinder maulten, hatte sie nicht gerechnet.
„Oller Zoo, da waren wir doch schon tausend Mal.“, murrte Daniel und Lisa fügte noch hinzu:
„Die haben nicht mal einen Elefanten.“
„Euch kann man es wirklich nicht recht machen.“ Mama war gekränkt. Papa triumphierte, man konnte es seinen Augen ansehen. Er wollte auch viel lieber in die Garage gehen und basteln.
„Ich finde den Zoo klasse, besonders das Affenhaus.“ Ich versuchte einzulenken, um den Sonntag doch noch zu retten.
„Bist selbst ein Affe, ein doofer.“, zischte Lisa und sah mich mit bitterbösem Blick an. Ich grinste. Das brachte Lisa auf die Palme, sie sprang auf und stieß an den Tisch. Die Milchflasche fiel mit lautem Klirren zu Boden. Womit wir wieder beim Thema „Tütenmilch“ angekommen waren. Papa war nämlich der Meinung, dass es Luxus sei, Milch in Flaschen zu kaufen. Mamas Argument für die Flasche war die Umwelt, aber Papa belehrte sie immer wieder. Es sei gar nicht umweltfreundlich, denn die Milchflaschen würden mehrere Male mit scharfen Reinigungsmitteln gespült, damit man sie erneut verwenden kann. Das füge der Umwelt einen mindestens so großen Schaden zu, wie das Entsorgen der Papptüten. Außerdem sei ja die Flaschenmilch auch viel teurer.
Wenn Papa geahnt hätte, dass Mama die Milch immer beim Bio-Bauern in der Nachbarschaft holt und sie da noch um einiges teurer ist, hätte er die Welt nicht mehr verstanden.
„Ich habe dir schon so oft gesagt, dass du Tütenmilch kaufen sollst“, sagte Papa auch schon.
„Dann hätten wir jetzt nicht dieses Theater mit den Scherben.“
Mama sagte wohlweislich nichts dazu und machte sich daran, die großen Scherben vom Boden aufzusammeln. Ich holte Handfeger und Schaufel und half ihr.
Lisa heulte und Daniel hatte sich ins Badezimmer verzogen. Das machte er immer dann, wenn es brenzlig wurde.
Als es an der Haustür schellte, ließ ich die Schaufel fallen und rannte zur Tür. Ich hörte gerade noch wie Papa sagte: „Das ist sicher meine Mutter, die hat uns gerade noch gefehlt heute!“, dann öffnete ich die Tür.
„Oma, guten Morgen! Da wird sich Papa aber freuen.“ Ich nahm Oma an die Hand und zog sie in Richtung Küche. Sie lachte und freute sich: „Wie kommst du darauf, mein Süßer?“
„Er hat eben gesagt, dass du uns gerade noch gefehlt hast. Kommst du mit uns in den Zoo?“
Oma wurde blass, dann schluckte sie und ihr Gesicht nahm einen Ausdruck an, als habe sie eben in die Scherben der Milchflasche getreten.
Meine Eltern waren auch ganz farblos im Gesicht und Mama stotterte: „Mu…  Mutter, komm setz dich doch.“
„Ich gehe sofort wieder, keine Sorge. Ich kam gerade aus der Kirche und wollte euch einen schönen Sonntag wünschen. Aber wie ich feststellen muss, ist mein Besuch wohl nicht erwünscht.“
Ich verstand die Welt nicht mehr. Papa hatte doch gesagt, sie habe uns gefehlt. Die Erwachsenen reden aber auch immer in Rätseln, wie soll einer daraus schlau werden?
Aus dem Zoobesuch wurde dann doch nichts mehr an diesem Sonntag. Nachdem Oma wieder versöhnt war, lud sie uns alle zum Mittagessen beim Italiener um die Ecke ein.
Omas sind Klasse, auch wenn meine Eltern da oft anderer Meinung sind!

© Regina Meier zu Verl

Kommentare:

  1. Ja, ja, wie heißt es immer so schön: Kindermund tut Wahrheit kund! Kann manchmal ganz schön peinlich sein. Dazu fällt mir ein Witz von Klein Erna ein.
    Klein Erna lutschte immer noch am Damen. Mama sagte zu ihr: "Klein Erna, wenn du damit nicht aufhörst, dann wirst du so dich wie Onkel Fritz." Und Onkel Fritz hatte einen riesigen Bierbauch. Ein paar Tage später fuhren Mama und Klein Erna in der Straßenbahn. Ihnen saß eine schwangere Frau gegenüber. Da sagte Klein Erna zu der Frau: "Ich weiß man, was du gemacht hast!"

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    1. Ja, das kann peinliche Momente bringen, liebe Martina,
      und der Klein-ERna Witz könnte auch Tatsache sein. :)

      Ein schönes WE dir und liebe Grüße
      Regina

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  2. Da haben sich doch glatt zwei fette Tippfehler eingeschlichen. Es heißt natürlich "Daumen" und "dick".

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