Sonntag, 5. August 2012

Ich denke noch oft an Tante Else (Erinnerungen)

Tante Else war fast neunzig, als ich sie beim Geburtstag meines Großvaters traf. Es war das letzte Mal, dass ich sie sah und wenn ich daran zurückdenke, habe ich noch immer ein Lächeln im Gesicht. Bei uns war es immer so, dass bei Geburtstagen gesungen wurde. Mein Opa setzte sich ans Klavier und dann ging es los. Alle alten Lieder wurden gesungen, Lieder, die heute schon fast in Vergessenheit geraten sind.

Mir hat immer das Lied vom Hans so gut gefallen (Und der Hans schleicht umher). Noch heute sehe ich die Mimik meines Großvaters, wenn er es sang und eben das Gesicht von Tante Else, die so herrlich schauen konnte, wie der Text es verlangte, alle Liebesschmerzen, alle Sehnsucht legte sie in ihren Blick und das war zum Heulen schön. Die kleine alte Dame mit frischen Dauerwellen im bläulich schimmernden Grauhaar war eine Persönlichkeit sondergleichen. Sie war immer freundlich und munter und sie sang so schön, mit so viel Gefühl.

An diesem letzten Abend wollte sie ihren Sohn anrufen, der sie abholen sollte. Ich bot ihr an, dass ich sie doch fahren könnte. Das nahm sie gern an. Sie kletterte also in meine Ente und wunderte sich, dass man mit so einem Ding auch fahren kann. Ich half ihr beim Anschnallen und ab ging die Reise. Entenkenner wissen, dass dieses Gefährt laut ist und dass die Heizung erst nach ungefähr zehn Kilometern in Gang kommt. Tante Else fand das nicht schlimm. Wie ein Kind in einem Karussell saß sie aufrecht und erwartungsfreudig auf dem Beifahrersitz und als es um die Kurve ging und mein Entchen sich ein wenig zur Seite neigte, kreischte sie vor Vergnügen, die Tante.

„Weißt du was“, sagte sie, „dieses Auto ist doch besser als ein Mercedes, findest du nicht auch?“

Wir lachten beide so herzlich, noch heute habe ich das im Ohr, ihr Lachen und ihren Gesang:

… und die Liese, vor der Türe, rotes Mieder, goldne Schnüre, schaut hinauf nach dem Himmel und sieht den Hans nicht an, schaut hinauf nach dem Himmel und sieht den Hans nicht an.

© Regina Meier zu Verl




Hier noch einmal der ganze Text des Liedes:

Und der Hans schleicht umher
trübe Augen, blasse Wangen
und das Herz ihm befangen
und der Kopf ihm so schwer.
Und die Liesel vor der Türe:
rotes Mieder, goldne Schnüre,
schaut hinauf nach dem Himmel
und sieht den Hans nicht an

"Liebes Liesel, komm her;
lass den Himmel, der ist trübe,
doch im Herzen die Liebe
ach die brennt gar so sehr!
Aber wenn du wieder gut bist
und du wieder deinen Hans küsst,
o dann ist auch auf einmal
der Himmel wieder hell!"

Und er bittet und fleht
und er zupft sie am Zöpfchen,
und die Liesel hat's Köpfchen
schon halb umgedreht.
Und sie lacht und zieht's Mäulchen
und sie ziert sich noch ein Weilchen -
und dann küsst sie den Hans
und's ist alles wieder gut

Kommentare:

  1. Von diesem Lied habe ich noch nie in meinem Leben gehört. Wir waren - und sind - leider eine völlig unmusikalische Familie. Als die Musikalität verteilt wurde, hatten wir alle die Masern, dafür haben wir bei der Vergabe der Rundungen zweimal "hier" gerufen.
    Die Schwester der Ente ist wohl der R4 und den habe ich gefahren. Er hatte nur 3 Gänge (Revolverschaltung - wie bei der Ente) und bei Regen mußte ich zwischendurch anhalten und dem Scheibenwischer einen Schupps geben. Den Wagen habe ich geliebt und gefahren, bis, ja bis, mein Vater, meine Mutter und meine Tante Erna mit mir eine kleine Tour unternehmen wollten. Ich fuhr rückwärts vom Hof - Achsenbruch. Echt - eine wahre Geschichte. Könnte man vielleicht mal etwas draus machen.

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    1. Liebe Martina,
      nun wird es dich sicher nicht wundern, dass mein allererstes Auto auch ein R4 war. Dunkelrot und ich habe ihn geliebt. Danach bin ich auf Enten umgestiegen und die habe ich gefahren bis die Kinder da waren und mein Mann darauf bestand, dass ich ein sichereres Auto fahren sollte. Ich habe das eingesehen und bekam dann einen kleinen Subaru-Bulli.
      Die Musikalität wurde mir in die Wiege gelegt, also musste ich gar nicht darum bitten und habe mir andere Sachen ausgesucht, die ich dann auch bekam. Teils Gute, teils Schlechte. Aber das will ich hier erstmal nicht weiter ausführen.
      Ich wünsche dir einen schönen Sonntag!

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  2. Liebe Regina,
    schade, die Mimik deiner Tante Else zu dem Lied von Hans und Liesel hätt ich nur allzu gern gesehen ;-)))
    Schön, dass es solch liebenswerte Menschen gibt.
    Zufriedenheit bis ins hohe Alter ist sicher die größte Schönheit, die ein Mensch sich bewahren kann.
    Sonnige Sonntagsgrüße
    tüftelchen

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    1. Die Familie meiner Mutter hatte viele solch zufriedene Menschen und alle sind sie alt geworden, mein Großvater wurde 96 Jahre alt und er hat beinahe bis zuletzt gesungen und Klavier und Laute gespielt. Er konnte ellenlange Gedichte rezitieren und malte wunderbare Ölbilder.
      Von Seiten meines Vaters wurden die Großeltern nicht alt und auch mein Vater verstarb schon mit 62 Jahren. Glücklicherweise ist meine Mutter noch da und dafür bin ich jeden Tag dankbar!

      Liebe Grüße
      Regina

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  3. Was für eine schöne Geschichte! Deine Tante war bestimmt ein wunderbarer Mensch! Es ist schön, wenn man seine Lieben in so guter Erinnerung behalten darf :O)
    Das Lied kannte ich zwar auch nicht, aber auch bei uns lief es früher auch ähnlich ab, fröhlich und mit viel Gesang :O)
    Ich wünsch Dir einen fröhlichen Tag!
    ♥ Allerliebste Grüße Claudia ♥

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    1. Liebe Claudia,

      ja, meine Tante war wunderbar. Sei war so fröhlich und unbeschwert, obwohl sie doch zwei Weltkriege erlebt hat und auch viele Verluste einstecken musste. Aber die ganze Familie war so fröhlich (und die, die heute noch da sind, sind es auch).
      Oft nehme ich mir abends die Gitarre und spiele die alten Lieder und dann habe ich das Gefühl, dass plötzlich alle wieder da sind ...
      Ich wünsche dir einen wunderprächtigen Tag
      Regina

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