Mittwoch, 1. August 2012

Engelsmusik



Es war an einem Sonntag. Die Sonne, die den ganzen Tag herrlich warm vom Himmel gelacht hatte, war schon untergegangen. Der Junge hatte von dem wunderbaren Sommertag nicht viel gesehen, denn er saß am Bett seines kranken Vaters, kühlte ihm die Stirn und erzählte ihm Geschichten.

„Mein lieber Sohn“ sprach der Vater und es kostete ihn einige Mühe „wir werden uns wiedersehen, das verspreche ich dir.“
Dem Jungen traten Tränen in die Augen, denn er wusste, dass er soeben die letzten Worte seines Vaters vernommen hatte.
„Vater, lieber Vater, ich wollte dir doch noch so viel erzählen. Bitte bleibe bei mir.“
Doch der Vater hörte ihn nicht mehr. Der Tod hatte ihn zu sich in sein Reich geholt. Der Sohn legte seinen Kopf auf den noch warmen Leib des Verstorbenen und ließ seinen Tränen freien Lauf.
Nachdem eine Stunde vergangen war, erhob er sich, holte eine Schale mit warmem Wasser und weiße Leinentücher. Er wusch den toten Vater und trocknete sorgfältig sein Gesicht. Er kämmte ihm das volle Haar und richtete sein Lager. Dann holte er sieben Kerzen aus der Kommode und stellte sie in den goldenen Leuchter, der sieben Kerzenhalter hatte.
Er zündete ein Streichholz und sprach, während er eine Kerze nach der anderen entflammte:
„Der Vater, der Sohn, der Heilige Geist, die Liebe, die Hoffnung, der Glaube und die Auferstehung.“
So hatte der Vater ihm aufgetragen zu sprechen und er war ein gehorsamer Sohn. Kaum hatte er die siebente Kerze entzündet, wurde das Zimmer in ein helles Licht getaucht. Der Junge bedeckte das Gesicht mit den Händen, wie sein Vater ihn geheißen hatte. Sein Herz schlug wild vor Angst, er glaubte, das Klopfen zu hören, doch es waren Schritte, die über den Holzfußboden polterten.
Bum-bum-bum-bum… der Junge wagte kaum zu atmen.
„Das ist der Tod“, dachte er, „er bringt ihn mir zurück.“
Nach einer Weile hörte er keine Geräusche mehr und nahm die Hände herunter.
Er öffnete die Augen und blickte auf seinen Vater, dessen Gesicht einen anderen Ausdruck angenommen hatte. Ein seliges Lächeln lag auf seinen Lippen und seine Augen waren geschlossen. Er sah aus, als schlafe er. Über seinem Kopf lag ein weißer Nebel, der sich wie kleine Wellen bewegte.
„Das ist das Zeichen, das mir mein Vater vorausgesagt hat. Lieber Gott, ich danke dir.“

Einige Tage, nachdem man den Mann zu Grabe getragen hatte, machte der Junge seinen täglichen Besuch auf dem Friedhof, der direkt hinter der kleinen Kapelle lag. Es war ein wunderbarer Ort der Ruhe, viele alte Bäume spendeten ihren Schatten. Es sah so aus, als wachten sie mit ihren ausgebreiteten Ästen über die Gräber. Viele Stunden hatte der Junge hier verbracht, seitdem der Körper seines Vaters beigesetzt worden war. Er war nur noch ein wenig traurig, denn er wusste ja, dass es ein Leben nach dem Tode gab. Er hatte den weißen Nebel gesehen, der, wie der Vater ihm erklärt hatte, die Seele des Verstorbenen war.
An diesem Tage hörte der Junge eine sonderbare Musik. Sie kam nicht aus der Kapelle und auch nicht vom Dorfe her. Nein, eine solche Musik hatte er noch nie gehört. Ganz leise, liebliche Töne streiften sein Ohr. Es waren keine Instrumente, sondern Stimmen, die da sangen, doch so sehr sich der Junge auch bemühte, nur ein einziges Wort zu verstehen, es gelang ihm nicht.
Der Junge kniete am Grab seiner Eltern nieder und fragte leise: „Hörst du das, Vater?“
Zunächst geschah nichts, doch plötzlich fühlte der Junge die Anwesenheit eines anderen Menschen. Erschreckt blickte er sich um, sah aber nichts.
„Du kannst mich nicht sehen, Junge. Ich bin hier neben dir, doch ich besitze keinen Körper mehr. Hab keine Angst, ich werde immer an deiner Seite sein.“
„Vater, ich kann dich hören. O Vater, es stimmt, was du mir gesagt hast. Ich bin so glücklich, aber ich bin auch so allein. Niemand bereitet mir ein Mahl zu, niemand weckt mich am Morgen auf, niemand gibt mir einen Kuss zur Nacht.“
Der Junge weinte bitterlich, doch dann horchte er erneut. Die liebliche Stimme sang eine bezaubernde Melodie.
„Ach, könnte ich immer so schöne Musik hören.“ Sehnsüchtig streckte der Junge die Arme in die Richtung, aus der er glaubte, die Stimme zu hören.
„Vater, ist das ein Engel, der da singt? Bitte, Vater, ich muss es wissen.“ Doch er erhielt keine Antwort und auch die Musik entfernte sich immer mehr.
Der Junge sah, dass der Pfarrer aus der Kirche gekommen war und jetzt direkt auf ihn zukam. Sicher waren die Stimmen deshalb verschwunden, dachte er.
„Grüß Gott, mein Sohn“, sagte der Geistliche. „So ist es recht, du besuchst das Grab deiner Eltern.“
„Ja, Hochwürden“, antwortete der Junge. „Hier bin ich ihnen am nächsten.“
Mit einem Lächeln auf den Lippen ging der Gottesmann weiter des Weges. Der Junge wartete darauf, dass die wunderschöne Musik wieder zu hören war, doch es tat sich nichts.
„Ich will nach Hause gehen und morgen wieder hierher kommen.“, dachte er und ging heim.
In der Nacht träumte er wieder von seinem Vater. Er stand an einem geheimnisvollen Platz auf einer Waldlichtung, die in Sonnenlicht getaucht war. Um ihn herum waren viele Gestalten, deren Körper transparent waren und die sich leise miteinander unterhielten. Der Vater sprach mit einer jungen Frau und hielt deren Hand. Der Junge sah das alles wie auf einer Leinwand, doch als die beiden sich ihm zuwandten bemerkte er, dass auch sie ihn sahen. Die wunderschöne Frau lächelte ihn an und begann dann zu singen. Ihr Gesang war es, den er heute auf dem Friedhof gehört hatte und plötzlich wusste der Junge, wer diese Frau war. Es war seine Mutter, die schon bei seiner Geburt gestorben war.  
„Mein liebes Kind, endlich kannst du mich sehen. Ich war die ganzen Jahre bei dir und habe dich aufwachsen sehen. Dein Vater ist jetzt hier bei mir. Wir wären gern bei dir, aber wir sind auch sehr glücklich, dass wir wieder vereint sind.“
Der Junge streckte seine Arme nach seinen Eltern aus, doch er konnte sie nicht berühren.
„Mama, Papa, ich möchte zu euch kommen!“, rief er verzweifelt und
„Lieber Gott, lass mich sterben, damit ich bei ihnen sein kann.“
Die Mutter schüttelte sanft den Kopf und lächelte.
„Nein, mein Sohn. Du musst leben, für deinen Vater und für mich, denn durch dich leben wir weiter. Wir sind immer bei dir, darauf kannst du dich verlassen. Es kann sein, dass du uns mal nicht wahrnehmen kannst, später, wenn du erwachsen sein wirst. Dann denk an diesen Traum zurück und sei gewiss, dass alles wahr ist, was ich dir sage. Erwachsene verlieren manchmal den Sinn für das Wesentliche. Bewahr dir dein Kindsein, solange du kannst. Wir werden dir dabei zur Seite stehen.“

Als der Junge erwachte, war er sehr traurig. Er hatte seine Mutter gesehen und er wusste, dass es nicht nur ein Traum war. So gern wäre er bei ihr und seinem Vater gewesen, aber die Mutter hatte ihm erklärt, welches seine Bestimmung auf Erden war.
Er wuchs heran, wurde erwachsen und dachte jeden Tag an seine Eltern. Liebevoll pflegte er deren Grab und oft waren sie ihm ganz nah. Schon früh entdeckte er, dass er eine besondere Gabe besaß. Er konnte Lieder aufschreiben, die ihm seine Mutter im Traum sang. Vielen Menschen konnte er damit Freude geben und Trost spenden.

Heute ist er ein alter Mann mit weißem Haar und obwohl ihm das Gehen Mühe bereitet, schleppt er sich noch jeden Tag zu der kleinen Kapelle am Friedhof. Dort spielt er die Orgel und es klingt wie wahre Engelsmusik.



© Regina Meier zu Verl

Kommentare:

  1. Liebe Regina, ich heule gerade "Rotz und Wasser", wie man so schön sagt. Mehr per Mail.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Nicht weinen, Martina,
      ich reiche dir ein Taschentuch!

      Liebe Grüße und danke
      Regina

      Löschen

Ich freue mich über jeden Kommentar. Nicht immer schaffe ich es, alle Kommentare zu beantworten, ich bitte um Verständnis!