Freitag, 27. Juli 2012

Vom Vergessen



„Nun sag doch mal, mir fällt gerade der Name nicht ein!“
Die alte Dame schaut ihre Tochter hilflos an. Immer wieder vergisst sie die Namen ihrer Nachbarn und sogar die der Verwandten und engsten Freunde.
„Wen meinst du denn, Mutter?“
„Ich meine das Mädchen mit den Zöpfen, das in der ersten Klasse neben mir gesessen hat.“
Die Tochter überlegt. Sie weiß beim besten Willen nicht, wen die Mutter meinen könnte. Also zählt sie alle Namen auf, die ihr in den Sinn kommen und von denen sie schon einmal etwas gehört hat.
„Ist es die Ursula, oder die Elisabeth. Oder vielleicht die Margret?“
Die Mutter schüttelt nur verzweifelt den Kopf.
„Nein, die meine ich alle nicht!“, ruft sie und Tränen schimmern in ihren Augen.
„Ich hole mal das Fotoalbum“, schlägt die Tochter vor. Sie setzt sich neben die Mutter und gemeinsam blättern sie in den Erinnerungsbildern.
„Schau, Mama, da ist ein Foto mit all deinen Klassenkameraden. Meinst du dieses Mädchen mit den Zöpfen?“
„Ja, das ist sie. Wenn mir doch nur der Name einfiele.“
„Erzähl mir ein wenig von ihr, vielleicht kommt der Name dann zurück.“
Doch die Mutter mag nicht erzählen, es quält sie, dass sie sich manche Dinge nicht mehr merken kann. Es ist ja so, dass sie selbst merkt, wie vergesslich sie geworden ist. Jeden Abend vor dem Einschlafen bittet sie Gott darum, ihr zu helfen, denn sie möchte nicht so hilflos sein wie ihr Mann, der zuletzt nicht einmal mehr sie, seine eigene Frau erkannte. Dabei hatte er sie trotzdem geliebt, denn niemand anders durfte an seiner Seite sein, wenn es ihm so richtig schlecht ging, nur sie, seine Frau.
Damals hatte sie sich vorgenommen, alles aufzuschreiben, damit sie es nachlesen konnte, wenn sie selbst einmal vergesslich werden sollte. Aber sie hatte es nicht gemacht. Immer war etwas anderes wichtiger gewesen.
„Ab heute werde ich es tun“, dachte sie und nahm ein Heft, das lange dafür vorgesehen war. Sie schrieb:
„Es ist Sonntag. Heute habe ich lange über einen Namen nachdenken müssen. Er fiel mir einfach nicht ein. Mit meiner lieben Sarah zusammen habe ich die alten Fotos angeschaut und hatte keine Idee, wie meine Freundin …“, sie stutzte, plötzlich, war er da, der Name, Angelika!
„…wie meine beste Freundin Angelika geheißen hat. Ich bin so froh, dass ich nun endlich wieder weiß, an wen ich seit Tagen denken muss. Von nun an werde ich jeden Tag schreiben. Schreiben hilft!“

© Regina Meier zu Verl

Kommentare:

  1. Demenz ist ein schlimme Sache. Trotzdem, Deine Geschichte gefällt mir, denn auch solche Dinge gehören mit zum Leben.
    Mein Vater ist an Demenz erkrankt. Ich kenne die Krankheit also hautnah.
    LG von der Silberdistel

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Silberdistel,

      danke, dass du mir hierher gefolgt bist.
      Ich habe fast ein Jahr lang Nachtschicht in einem Altenheim gemacht. Die Bewohner waren zumeist dement. Seitdem lässt mich dieses Thema nicht mehr los. Ich habe so liebenswerte Menschen kennengelernt und eine besondere Freude war es, wenn sie sich über Geschichten freuten und sich selbst darin wiedererkannten. Später habe ich eine ältere Dame auch tagsüber betreut. Sie war ein so lieber Mensch und sie hat mir so viel von früher erzählt, es hat unser beider Leben sehr bereichert. Als Angehörige ist es viel schwerer, finde ich, denn man hat den Erkrankten ja anders gekannt und sieht, wie die ERinnerung mehr und mehr nachlässt. Das ist keine leichte Aufgabe, denke ich!
      Ich wünsche dir ein schönes Wochenende und grüße dich herzlich
      Regina

      Löschen
  2. Liebe Regina,

    vor dieser Krankheit haben wir alle Angst. Was ist das altersgemäße Vergessen und wann spricht man von Alzheimer?
    Deine nachdenkenswerte Geschichte könnte ein Dialog zwischen meiner Mutter und mir sein. Sie vergisst hin und wieder etwas und stellt sich die Frage oft. Und wenn man als älterer Mensch alleine lebt, hat man genug Zeit und Raum zu grübeln...

    Hab ein schönes Wochenende.
    Mit lieben Grüßen
    Anna-Lena

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Anna-Lena,

      danke, dass auch du mir hierher gefolgt bist.
      Der Gedanke daran, dass man selbst auch einmal an Alzheimer erkranken könnte, ist nicht schön. Genau deshalb beschäftigt mich das Thema und ich schaue genauer hin. Es gibt Erkrankte, die gut aufgehoben sind und trotzdem noch Lebensqualität haben, wenn man ihnen Zuwendung gibt und sich kümmert. Andere vereinsamen völlig und wenn man die Entwicklung betrachtet, dann wird immer weniger Geld dafür da sein, entsprechende Hilfsaktivitäten zu fördern. Wenn dann nicht jeder sich verantwortlich fühlt, dann sieht es schlecht aus. Was wird sein, wenn wir selbst einmal in dieser Situation sein könnten?
      Herzliche Grüße
      Regina

      Löschen
    2. Was wird sein, wenn wir selbst einmal in dieser Situation sein könnten?

      Das ist nicht auszuschließen, liebe Regina, aber ich mag mir jetzt auch keinerlei Gedanken darüber machen, das erzeugt Unsicherheit, Ängste und belastet mich. Genauer hinschauen, bei sich und anderen, sollte der erste Schritt sein.

      Ja, ich bin dir gerne hierher gefolgt.
      Liebe Grüße!

      Löschen
    3. "Genauer hinschauen, bei sich und anderen"

      Das ist es, liebe Anna-Lena,
      schauen wir genau hin.

      Alles Liebe
      Regina

      Löschen
  3. Liebe Regina,

    Demenz ist eine schlimme Krankheit für alle betroffenen. Ich habe mal einen älteren Mann auf der Straße getrofffen, der nicht mehr wusste in welchem Ort er war. Es war kalt und hatte nur eine Strickjacke an und wusste nicht warum er sich nicht wärmer angezogen hat. Ich weiß nicht, ob man es selber mitkriegt, wenn man dement ist. Wenn ja, dann muss es schlimm sein, wenn man merkt, dass die Persönlichkeit immer mehr geht. Meine ich es nur oder nimmt die Häufigkeit von Demenz zu? Früher wusste man nichts davon aber da wurden die Leute ja nicht so alt.

    Trotzdem ein schönes Wochenende für Dich.

    Liebe Grüße
    Harald

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Lieber Harald,
      ich bin auch zu dem Schluss gekommen, dass es daran liegt, dass wir alle älter werden als unsere Vorfahren. Das könnte eine Erklärung für die zunehmende Demenz sein. Genau weiß ich das aber nicht, ich sollte mich mal informieren darüber.

      Herzliche Grüße und ein schönes Wochenende dir
      Regina

      Löschen
  4. Hinschauen..ach Regina..die Mensche von HEUTE(viel)schauen lieber weg.
    Kenne das auch hautnah wie die Silberdistel auch,der Schwiegervater war davon betroffen..alles nicht einfach ..sicher für ALLE.
    LG vom katerchen dem die Geschichte sehr gefallen hat

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebes Katerchen,
      stimmt, viele schauen weg - aber es gibt doch noch einige die hinschauen und jeder Blick und jede Bewegung in die richtige Richtung zählt. Ich gebe die Hoffnung nicht auf.

      Danke für deine lieben Worte, ich wünsche dir ein schönes Wochenende
      Regina

      Löschen
  5. Hallo, liebe Regina.

    Ich glaube davor haben wir alle große Angst. Ich auch. Große Angst sogar.

    Mein Vater hatte nach einem schlimmen Schlaganfall vasculäre Demenz. Anfangs war er geistig noch ganz klar. Aber dann. Schlimm war es, dass er immer mehr seine Sprache verlor und er uns nicht mehr folgen konnte, wenn wir etwas zu ihm gesagt haben. Am Ende konnte er uns nicht mehr mitteilen, was er wollte oder ob ihm etwas weh tat. Irgendwann schrie er nur noch, Tag und Nacht. Die Ärzte konnten ihn nur noch ruhigstellen bis er gestorben ist. Das war eine ganz schlimme Zeit, die ich lange nicht verarbeiten konnte. :-( Ich habe durch meinen Vater auch Demenzkranke in einer geschlossenen Psychiatrie "erlebt". Eine lief immer mit einem Koffer und einem Mantel herum und ging in alle Zimmer, ein anderer fragte mich, wann sein Sohn endlich käme, ob es einen Stau gegeben hätte. Dabei war der Sohn schon dagewesen und wieder nach Hause gefahren, wie ich vom Pflegepersonal erfuhr.
    *tiefseufz* :-(

    Das mit dem Namen vergessen, das ist mir auch schon passiert. Ganz krass. Wir waren an dem Abend zu Verwandten zu unserem regelmäßigen Spieleabend. Mitten am Abend wollte ich meine Nichte ansprechen und mir fiel einfach nicht ein, wie sie heißt. :shock: Bis sie es mir gesagt haben. Da war das Gelächter natürlich groß und mein Neffe hat sich ein Namensschild an die Stirn geklebt. *lach* ich konnte auch darüber lachen. Weil ich denke, dass es an dem Abend einfach nur eine Konzentrationsschwäche war. Nach allem, was war, konnte ich mich zeitweise nicht gut konzentrieren, war oft zerstreut. Aber trotzdem, so krass hatte ich das noch nicht erlebt.

    Liebe Grüße,
    Martina

    P.S. Ist das hier ein neuer Blog von dir? Dann abonniere ich ihn dazu.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Martina,
      es ist sehr schwer, miterleben zu müssen, wie der eigene Vater immer und immer mehr an Lebensqualität verliert. Ansatzweise habe ich das bei meiner Schwiegermutter erlebt, die zwischendurch aber immer wieder "helle" Tage hatte. Sie fühlte sich ständig betrogen und bestohlen, sucht hinter Dingen her, die ihr angeblich weggenommen worden waren. Manchmal rief sie mich bis zu 10 Mal am Tag an und erzählte mir immer wieder das, was sie seit Tagen erzählte.

      Namen vergesse ich immer mal wieder, dafür sitzen bei mir die Zahlen ganz fest. Ich weiß noch, wann meine Freudinnen aus der ersten Klasse Geburtstag haben, auch meine ersten Lehrer. Telefonnummern haben sich eingebrannt und dabei bin ich gar kein Zahlenmensch eigentlich. Mathematik war für mich ein lästiges "Es muss eben sein" -Fach. Mir haben mehr die Sprachen gelegen.

      Mein Klatschmohnrot Blog bleibt, hier möchte ich meine Geschichten sammeln, damit sie alle an einem Ort sind. Persönliches werde ich weiterhin bei wordpress schreiben.
      Danke für deinen ausführlichn Kommentar.
      Ich wünsche dir ein schönes Wochenende und grüße dich herzlich
      Regina

      Löschen
  6. Nun komme ich also zum Lesen, wie versprochen!
    Schreiben hilft - ja, liebe Regina!
    Je nachdem warum man vergisst, ist Schreiben sicher ein Mittel der Wahl.
    Ich habe eine neue Patientin mit Multipler Sklerose, sie hat eine starke Wortfindungsstörung und dazu auch im Kurzzeitgedächtnis Verluste. Es zieht sich nun auch in das Mittelfrist- und Langzeitgedächtnis.
    Da üben wir viel mit Umschreiben, allerdings nur verbal, denn sie hat nicht die Kraft zum Schreiben in den Händen.
    Wenn ich sie frage, wann die Ergotherapeutin kommt, die sie schon lange betreut, dann sagt sie voller Überzeugung:"Ich habe keine Ergotherapeutin!"
    Ich muss mich oft bei ihrem Mann rückversichern, wenn es um wichtige Dinge geht.
    Wir machen heiteres Hirnleistungstraining, damit sie mit Freude trainiert.
    Sicher können wir nicht aufhalten, was da in Gang gekommen ist, aber viel noch erhalten und verzögern...
    Ich werde deine Seite hier nun bei mir verlinken, liebe Regina.

    Liebe Grüße in dein Lesewochenende!
    ..schickt Monika

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke schön, liebe Monika,
      fürs Lesen und deine Gedanken zum Thema. Ich freue mich, dass ich auf dem richtigen Weg war, wenn ich mit meinen Schützlingen früher auch immer heiteres Training gemacht habe. Man sieht ja, wie gut es ihnen tut und ich habe das einfach intuitiv begriffen. Umso mehr bestätigst du jetzt mein Verhalten.
      Danke auch für's Verlinken, ich freue mich!

      Liebe Grüße
      Regina

      Löschen

Ich freue mich über jeden Kommentar. Nicht immer schaffe ich es, alle Kommentare zu beantworten, ich bitte um Verständnis!