Samstag, 28. Juli 2012

Gina will Brot backen


Wenn meine Mutter traurig war, dann backte sie Brot. So oft habe ich ihr dabei zugesehen. Jeden Handgriff kannte ich. Deshalb war ich davon überzeugt, dass ich, obwohl ich ja noch ein Kind war, es selbst genauso gut könnte wie Mama.
Eines Tages waren meine Eltern zu einer Feier am Abend eingeladen. Wir Kinder blieben zu Hause und da ich die Große war, sagte mein Vater: „Gina, du passt schön auf die Kleinen auf und wenn irgendetwas  sein sollte, dann rufst du Tante Guste. Sie weiß, dass wir unterwegs sind.“
Tante Guste wohnte auf der gleichen Etage. Wir Kinder liebten sie wie eine Oma. Ein Telefon hatten wir noch nicht, aber wenn man ganz laut rief, konnte Tante Guste das hören und sie kam sofort, um nach uns zu schauen.
Ich fand es gut, dass meine Eltern mir zutrauten, auf die Geschwister aufzupassen. Beide schliefen schon und ich lag im Bett und las in meinem neuen Buch. ‚Goldlöckchens erste Reise‘ hieß es und war in Schreibschrift geschrieben. Spannend war das, denn Goldlöckchen war etwa so alt wie ich und sie reiste ganz allein durch die Welt.
Ich hatte schon eine Weile gelesen und war noch gar nicht müde. So kam es, dass ich mich der letzten Seite näherte und als der allerletzte Satz gelesen war, wurde ich so traurig, dass mir die Tränen kamen.
Ich weinte also still vor mich hin und dann fiel mir ein, dass ich ein Brot backen sollte, so wie Mama es tat, wenn sie traurig war. Das half ganz bestimmt.
Ich fand alles, was ich dazu brauchte in der Küche, Hefe und Milch im Kühlschrank, das Mehl in der großen Porzellandose, wo auch MEHL drauf stand. Salz brauchte ich noch und etwas Butter. Alle Zutaten stellte ich auf den Tisch und schob einen Stuhl davor, denn ich war noch zu klein, um einfach so vor dem Tisch zu stehen.
Ich schüttete das Mehl auf das Backbrett, bohrte eine Mulde hinein und gab die Hefe und etwas Milch in die Vertiefung.
'Jetzt muss ich den Teig kneten', dachte ich. so schwierig hatte ich mir das aber nicht vorgestellt. Alles war staubig und trocken. Wahrscheinlich fehlte etwas Milch. Schnell noch einen guten Schluck dazu, so würde es schon gehen. Doch das half so gar nicht. Es wurde zwar etwas matschiger, aber nichts von diesem pampigen Zeug erinnerte an den wunderbaren Hefeteig von Mama. Ich wurde immer trauriger, zwischendurch auch mal etwas wütend und schließlich gab ich auf.
Gerade wollte ich vom Stuhl klettern, als ich ein merkwürdiges Geräusch hörte. Ich war sicher, dass da jemand in der Wohnung war. Ich wagte nicht zu atmen und hielt mir vor Angst die Augen zu. Die Geräusche wurden lauter und schließlich hörte ich eine Stimme:
"Gina, was machst du denn da bloß?"
Wie erleichtert ich war, Tante Gustes Stimme zu hören. Ich nahm die Hände von den Augen und im gleichen Moment wurde mir bewusst, was ich da angerichtet hatte in Mamas Küche, die vorher so schön sauber und aufgeräumt gewesen war.
Tante Guste schimpfte nicht, sie schimpfte nie und wusste für jedes Problem eine Lösung. Sie half mir dabei, alles wieder aufzuräumen, dann stellte sie mich in die Badewanne, denn Mehl, Milch und Hefe lässt sich nicht einfach aus den Haaren bürsten. Sie wusch meine Haare und brachte mich dann ins Bett.
Mama hat nie etwas davon erfahren.  Glaube ich jedenfalls. Ich werde ihr mal diese Geschichte geben und schauen, ob das auch stimmt.

© Regina Meier zu Verl

Kommentare:

  1. Wie frustrierend muss das für ein Kind sein, wenn man eine augenscheinliche Lösung kennt, sie dann aber nicht verwirklichen kann, weil man zu klein, zu unbeholfen ist.

    Wie gut, dass es Tante Guste gab, den rettenden Engel.
    Eine schöne Geschichte. Ist sie autobiografisch?

    Lächelnde Grüße
    Anna-Lena

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, liebe Anna-Lena,

      das ist eine Geschichte aus meiner Kindheit. Als ich sie geschrieben habe, fühlte ich mich tatsächlich zurückversetzt an den Abend. Vielleicht ist es nicht ganz genauso gewesen, da spielt die Erinnerung so manchen Streich. Aber Tante Guste (eigentlich hieß sie Auguste) war wirklich immer da, wenn man in Not war und das war eine gute Erfahrung.

      Herzliche Grüße
      Regina

      Löschen
  2. Ich hatte auch so eine Tante - Tante Anna und habe sie wegen ihres ausgleichenden Wesens immer geliebt.
    Sie hatte keine eigenen Kinder, aber für uns war sie immer da, unsere Tante Anna eben...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Jedes Kind sollte so eine Tante Anna oder Guste haben. Schön, dass du auch in den Genuss gekommen bist! :)

      Löschen

Ich freue mich über jeden Kommentar. Nicht immer schaffe ich es, alle Kommentare zu beantworten, ich bitte um Verständnis!